Schließen

Incels. Über (keinen) Sex in modernen Gesellschaften.

Dies ist ein heißes Eisen, aber doch zu wichtig um nicht darüber zu schreiben, vor allem in Anbetracht dessen, dass es so gut wie keinen differenzierten, holistischen Artikel dazu gibt. Umso wichtiger ist es, dass man weitestgehend empirisch-evidenzbasiert an die Sache herangeht. Da es sich hierbei um den bisher mit Abstand längsten Artikel auf diesem Blog handelt, gibt es diesmal zum Zurechtfinden ein Inhaltsverzeichnis mit Sprungmarken:

Was sind Incels?

Fangen wir mit einer Begriffsbestimmung an. Incels. Was soll das sein? Worum geht es hier überhaupt? – So wird man vielleicht fragen, wenn man das Internet nicht allzu intensiv frequentiert. Denn obwohl der Begriff innerhalb des Internetjargons derweil an Popularität gewonnen hat (einerseits als Selbstbezeichnung, andererseits als Beleidigung), findet er sonst fast nirgendwo Verwendung. Bei dem Wort handelt es sich um ein Portmanteau aus involuntary und celibate, meint also unfreiwillig zölibatär.

Weiterlesen »

Plötzlich wieder Single. Männer!

Ein kurzer Kommentar zu einem Artikel aus der Taz von Saskia Lima mit dem Titel „Plötzlich wieder Single. Männer!“

Hier gehts zum Artikel

Im Artikel erzählt eine frisch getrennte Ü40-Jährige Frau über Bekanntschaften, die sie durch die Dating-App Tinder gemacht hat.

„Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass Frauen ein Problem mit dem Älterwerden hätten. Sie haben eins mit Männern: Nicht wenige werden peinlich.“

Dieser Untertitel gibt Aufschluss über die allgemeine Richtung. Das Geschlechterverhältnis in unserer heutigen Gesellschaft liegt in Argen. Diese Botschaft dürfte sich mittlerweile verbreitet haben. Ich möchte dem Leser hier das Gros des Artikel ersparen und beschränke mich auf die Darstellung des Bigotteriemassakers.

„Scheiße, sah der alt aus, […]. Ich besann mich auf den Unterhaltungswert, tat interessiert und ließ ihn labern.“

Ein 49-Jähriger wird von der Autorin als „verwelkter Mann“ bezeichnet. Dagegen wird nicht in Betracht gezogen, wie sie selbst wohl auf den 25-Jährigen Tinderkontakt wirken muss, über den sie vorher erzählt.

„Nun wollte ich Stefan unbedingt demütigen, sagte, auf den Fotos wirke er viel größer als in echt, und berichtete, dass viele 25-Jährige bei Tinder mich treffen wollten, und da schlug er zurück und erklärte mir, das liege nur daran, dass Frauen über vierzig leichter zu haben sind und die Jungs schnell zum Schuss kommen wollen.“

…womit der ältere Mann wohl den Treffer versenkt hat, da der in Frage stehende 25-Jährige die Autorin schon vor dem Treffen nach einem Blowjob fragte, wie wir lesen müssen.

Natürlich kann die Autorin den Konter mit der unangenehmen Wahrheit auf den bewussten Demütigungsversuch, wozu sie diesen fraglichen „feat“ heranzog, nicht ‚wie ein Mann‘ verkraften und flieht daher die Szenarie sogleich.

Wäre es nicht einmal sinnvoll zu fragen, was genau eine Frau über 40 einem 25-Jährigen bieten könne, bzw. weswegen sich ein solcher Mann für eine solche Frau interessieren könne? Im umgekehrten Fall, also mit einem wesentlich älteren Mann und junger Frau, ist man doch immer recht schnell dabei die Faktoren Geld und Sex anzuführen und beide Protagonisten als unredlich zu stempeln.

Über ihre eigenen Ansprüche an den 25-Jährigen, abseits seiner Jugendlichkeit, ist die Autorin jedenfalls nicht so verschämt:

„Er glaubt, jung und süß zu sein und einen Penis zu haben sei genug, um eine Frau über vierzig auf die Schnelle von sich zu überzeugen.“

Bei dem nächsten Kandidaten kommen wir aber zu einem größeren Hammer:

„[…] und stellte mir nicht eine einzige Frage. Armselig, aber ich hatte ohnehin nur sinnliche Absichten.“

Dass die Autorin selbst dann noch Ansprüche an Aspekte stellt, die ihre eigenen einseiten Absichten nicht betreffen, und sich herablassend äußert, ist ja erst einmal bloß unsympathisch. Aber was passiert, wenn ein Mann nur sinnliche Absichten hat und diese vorher noch offen kommuniziert, wie oben:

„Ich schreibe, er solle erst mal erwachsen werden, und lösche ihn.“

Das ist dann bigott. Es kümmern die Autorin also entweder ihr eigener Erwachsenenstatus oder ihre eigenen Standards nicht.

Den Kandidaten, bei dem sinnliche Absichten bestanden, hat die Autorin übrigens aufgrund der Meldung einer Freundin über dessen kleinen Penis abserviert. Mit einem anderen klappte es besser:

„Bald schon schlief ich mit ihm und es machte Spaß, und ich dachte, jetzt hab ich ihn gefunden, den perfekten Mann für eine gute Zeit in der Phase, in der mein Herz noch gebrochen war. Doch bald schon wollte er mehr von mir.“

Die Autorin gibt also auch schamlos zu, Männer hier nur als Trostpflaster auszunutzen. Ein Satz, aus dem die seriell-monogame Einstellung und Selbstbezogenheit nur so trieft.

„Eine Freundin sagte, das ­Internet sei schuld, es bediene vor allem das Niedere im Mann – daher wären die Typen heutzutage schon mit Mitte zwanzig kaputt und ihre Seelen verloren.“

Wenn das so ist, und für die Zerstörung der Seelen von zwanzigjährigen Männern nicht eher z.B. das eben genannte Ausnutzen durch Frauen wie der Autorin verantwortlich ist, was ist dann andererseits mit Frauen wie ihr schiefgelaufen?

„Ich dachte: Und dann hast du mich mein Getränk bezahlen lassen, du Niete.“

Noch etwas sexistische Anspruchshaltung zur Würze gefällig? Check.

„Die Unverbindlichkeit, nach der viele Männer jeden Alters streben, ist oft bemitleidenswert und im besten Fall ein bisschen rührend.“

Noch ein Quäntchen mittlerweile offensichtlicher Bigotterie zum Abschluss, zumal ein paar Absätze weiter oben von einem Mann erzählt wurde, bei dem die Autorin nur sinnliche Absichten hatte. Aber wenn das Männer machen, ist das Objektifizierung der Frau, stimmts?

Fassen wir zusammen: Die Autorin versucht bewusst andere zu demütigen, ist oberflächlich, herablassend, selbstbezogen, bigott, benutzt andere als Trostpflaster, hat Doppelstandards und hohe Ansprüche.

Ergo: Sie hat nicht ein Männerproblem, sondern ein Charakterproblem. Dazu kommt, dass sie über 40 ist. Was kann sie sich dagegen als Qualitäten reklamieren? Meine einzige Vermutung wäre, dass sie sich unglaublich kultiviert vorkommt, wenn sie „Weißwein auf Eis“ bestellt oder über den „interessanten Weltschmerz“ eines Mannes sinniert.

Mein Appell an die Taz wäre: Warum werden solche Artikel in einem Mainstream-Medium veröffentlicht? Wo liegt deren Mehrwert? Gefällt es euch, dass eine Autorin sich so dermaßen selbst demütigt? Wenn sie keinen Durchschnitt der modernen Frau repräsentiert, wo bleibt eure Verantwortung, dass dadurch nicht ein toxisches Frauenbild gefördert wird?

 

P.S.: Was die Trennung der Autorin angeht:

„Der Mann, mit dem ich alt werden wollte, wollte plötzlich gar nicht mehr alt werden. Pünktlich zu ­seinem vierzigsten Geburtstag entschied er sich, mich mit einer sehr jungen Instagram-Poserin zu betrügen.“

Während Betrügen sicher immer zu veruteilen ist, kommt man doch nicht umhin dem Mann zu gratulieren: Dodged a Bullet.

Nach oben