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Wir spielen Nazi und Antifaner

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Eigentlich sollte der Titel passend zum Karneval heißen „Wir spielen Cowboy und Indianer“. Aber damit ist jetzt Schluss!

Eltern haben mittlerweile Skrupel, ihren Kindern zu erlauben, sich als Indianer zu verkleiden, wie wir hier lesen können. Erstens ist „Indianer“ natürlich – wegen dem depperten Kolumbus – eine „koloniale Fremdbezeichnung“, die von den Mitgliedern der damit angesprochenen Gesellschaften oft abgelehnt wird. Aber mit dem bloßen Terminus haben wir noch nicht des Pudels Kern, oder?

So sieht sich betreffende Mutter in verlinktem Artikel in der Pflicht sich „leicht nervös zu entschuldigen“, weil die Verkleidung ihres Sohnes ein „Klischee“ bediene.

Mit diesem sozialen Druck scheint es aber noch nicht genug zu sein. Nun sind wir soweit, dass Verbote für unsere Jüngsten von institutioneller Stelle ausgesprochen werden. Das ist auch der eigentliche Anlass meines Artikels. Ein Hamburger Kindergarten hat seinen Kindern aktuell das Tragen von Indianer-Verkleidungen untersagt. Warum? Weil die Erzieher auf eine „kultursensible, diskriminierungsfreie und vorurteilsbewusste Erziehung“ achten sollen. Was ist nun mit den Cowboys? Sind diese nicht auch ein Stereotyp der amerikanischen Kultur? Und sind trotzdem nur die Indianer verboten? Ist nicht jedes Kostüm ein Klischee, eine verzerrende Pauschaldarstellung, es sei denn man stellt eine Individualperson dar? Und selbst solches könnte noch als Karikatur des Individuums aufgefasst werden.

Leben wir in einer Zeit, in der die Menschen so sensibel geworden sind, dass es unser höchstes Gut ist, jederzeit aufzupassen, dass wir ja niemandens Gefühlchen verletzen? Knapp daneben. Denn wie wollte man es sich erklären, dass wir im Alltag, Umfeld oder Beruf uns oft rücksichtslos gegen Individuen verhalten und darin keine größere Dramatik sehen? Nein, wir sind nicht zerbrechlicher geworden, es geht nicht um das Verletzen von Individuen, da sind wir immer noch Ellenbogengesellschaft, es geht einzig um die Klassifizierung von Individuen, die schizophrenerweise einerseits nie weiter getrieben wurde als heute, andererseits nie stärker unter Repressionen gestellt wurde.

Das Kriterium ist also Political Correctness, die mit sozialen Repressionen angefangen hat und mittlerweile zu Teilen institutionell forciert wird – von der Zensur schwarzer Zeichentrickfiguren zu blauen, über die Verbrennung politisch unkorrekter Kinderbücher, den Zwang von Studentenwerken sich unter 800 000 Euro kosten zu „Studierendenwerk“ umzubenennen, bis hin zu eben jenem Fall mit dem Kindergarten.

Was ist eigentlich Totalitarismus? Spaemann (Glück und Wohlwollen, 1989, S. 200 f.) beschreibt folgendermaßen, woran man ihn erkennt:

Man kann totalitäres Denken am besten dadurch kennzeichnen, daß es alle Handlungen ohne Rücksicht auf die Intentionen des Handelnden durch die Funktion definiert, die es mit Bezug auf ein bestimmtes Rahmensystem hat, sei es, daß dieses System stabilisiert, sei es, daß es zerstört werden soll. Und wo eine Handlung, z.B. eine familiäre, wissenschaftliche oder künstlerische Tätigkeit, gar keinen sichtbaren Bezug hierzu hat, wird sie durch dessen Abwesenheit definiert […]. Es gibt nur einen einzigen Sinn, und der fällt mit einem bestimmten Systemrahmen oder einer bestimmten Deutung der Geschichte zusammen.

Welche Intention verfolgt wohl ein Kind, das sich als Indianer verkleiden will? Denkt es sich so: „Haha, diese kulturell rückständigen Rothäute mit ihrem Federschmuck besitzen nicht einmal Schießpulver; ich werde sie schön lächerlich machen und damit die Überlegenheit der kolonialen Bestrebungen der Cowboys demonstrieren, indem ich mich so verkleide.“ …oder denkt es sich eher: „Ich will dieses Jahr ein cooler Indianer sein Ahwuhwuhwuhwuh..“ Und würde ersteres Narrativ auch nur irgendein geistig gesunder Erwachsener so vertreten?

In Anbetracht derartiger Verbote könnte man die leise Vermutung anstellen, man lebe in einer Zeit der totalitären Sklavenmoral (in Nietzsches Sinne), wie sie das Christentum jedoch nie zu träumen gewagt hätte. Ironischerweise zählt die christliche Kirche in der jetzigen Gesellschaftsmoral jedoch zu den Herren und nicht zu den Schwachen, Unterdrückten, Schützenswerten.

Moral im klassisch philosophischen Sinne beinhaltet immer das Prinzip einer Verallgemeinerung. Der Inhalt, der in der derzeit dominanten Gesellschaftsmoral allgemein gelten soll, wird oft als „soziale Gerechtigkeit“ benannt. Und diese konkretisiert sich hauptsächlich im Kampf gegen Unterdrückung oder Diskriminierung. Es zeigt sich jedoch, dass nicht eigentlich der Kampf gegen Unterdrückung um der sozialen Gerechtigkeit willen geführt wird, sondern ersterer zum Selbstzweck geworden ist. Zum Beleg dieser These muss ich etwas ausholen.

Wie Margarete Stokowski uns im Spiegel erklärt, gibt es keinen Rassismus gegen Weiße und keinen Sexismus gegen Männer:

„Wer zu einer Gruppe gehört, die standardmäßig in einer Gesellschaft die Macht hat – und das sind bei uns Weiße, Heterosexuelle, Männer, Menschen ohne Behinderung – kann als diese Gruppe nicht diskriminiert werden. Diskriminierung ist strukturelle Benachteiligung, das heißt, es muss eine (Macht-)Struktur geben, die sie stützt.“

In die Definition von Diskriminierung, Rassismus und Sexismus wird also ein pauschales gesellschaftliches strukturelles Machtgefälle aufgenommen. Wenn ich also sage #MenAreTrash, ist das kein Sexismus, und wenn ich jemanden als scheiß Weißen oder Kartoffel beleidige, kein Rassismus und keine Diskriminierung, weil ein bestimmter Systemrahmen nicht gegeben ist. Man muss bedenken, dass dies nicht bloß private Spinnereien einer Linksradikalen (gleichgültig, ob man Frau Stokowski nun als eine solche sieht oder nicht) sind, sondern man neben der (vorrangig in den USA verbreiteten) gesellschaftlichen Wirkmächtigkeit solcher Ideen auch in staatlichen Institutionen (obgleich legal natürlich nicht so definiert) Hinweise auf Auswüchse dieser Richtung findet. Fast satirisch klingt dann im Spiegel:

„Weiße Männer können diskriminiert werden, weil sie zum Beispiel schwul sind oder eine Behinderung oder Krankheit haben, sie können Opfer von Klassismus werden oder von Ageism, der Diskriminierung aufgrund von Alter.“

Apropos Alter – muss man dann mit der Bezeichnung „alte weiße Männer“ doch etwas mehr aufpassen als man es allgemein tut?!

Umgekehrt wird die Glorifizierung oder der bloße Stolz bezüglich solcher Merkmale des angeblich strukturell Privilegierten auch als eine Form des Rassismus aufgefasst, nämlich als Kulturchauvinismus oder „White Supremacy“, wie Julian von Abele feststellen musste.

Hierin liegt die oben angesprochene Schizophrenie begründet: Wegen der Inkorporation solcher Strukturelemente muss im extremen Maße klassifiziert werden, und zwar gehören alle Merkmale in zwei Klassen: Unterdrückte und Herrschende. So wird die symmetrische Allgemeinheit, z. B. nicht wegen seines Geschlechtes diskriminiert werden zu dürfen, gebrochen. In Bezug darauf erscheint die oft in Verruf stehende Vokabel „Kulturmarxismus“ gar nicht mehr so illusionär, wenn man sie demgemäß strukturanalog zum marxistischen Klassenkampf auffasst. Diese Klassifizierung ist natürlich genau gegenläufig zur Vermeidung von Stereotypen und der Ungleichbehandlung von Individuen. Um diese zu bekämpfen, soll sie zuvor fixiert werden, anstatt bloß die Gleichheit oder Gerechtigkeit zur allgemeinen Maxime in jedem möglichen Rahmen und jeder möglichen variablen Situation zu machen.

Stokowski merkt noch an:

„Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße und keinen Sexismus gegen Männer. Das heißt nicht, dass es sie prinzipiell nicht geben kann. Es kann sie nur in dieser Welt nicht geben.“

Was heißt aber „in dieser Welt“? Diese Welt wird hier nicht im ständigen Wandel begriffen, sondern – wir erinnern uns – „Es gibt nur einen einzigen Sinn, und der fällt mit einem bestimmten Systemrahmen oder einer bestimmten Deutung der Geschichte zusammen.“ Dieser einzige Sinn, dem alles unterworfen wird, ist die Verneinung einer bestimmten Struktur, die ganz unabhängig vom derzeitigen Zustand der Welt hypostasiert, d.h. bleibend gemacht wird, und welche sich in wenigen Worten ausdrücken lässt: Patriarchat, Kolonialismus, Nationalsozialismus, Heteronormativität.

Diese Deutung einer bestimmten bleibenden Geschichte und deren Verneinung wird zum alles bestimmenden Systemrahmen, woraus sich dann der sogenannte Intersektionalismus ergibt. Die Instrumentalisierung demgegenüber wächst dann nach und nach bis sie alles umfasst, wie z. B. nun den Karneval in Kindergärten. Es geht dabei nicht um bestimmte Interessen als faktum brutum, die in Form von (Schein-)Moral durchgesetzt werden sollten. Es ist infrage stehender Moral zumindest noch ein etwas anspruchsvolleres Element der Verallgemeinerung zuzusprechen: die Nutznießer sind durch die verneinte allgemeine Machtstruktur bestimmt, woraus sich erklären lässt, warum darin solch heterogene, entgegengesetzte Interessen wie jene des Islams und des Feminismus zusammenkommen, was oft nicht zu wenig kognitiver Dissonanz führt. Andererseits erklärt sich daraus, warum solch homogene Interessen wie jene des Christentums und des Islams (ihre freie Religionsausübung und Achtung gegen diese) so unterschiedlich bewertet werden. Schließlich wird Christenverfolgung oder -unterdrückung gewöhnlich nicht großartig öffentlich thematisiert, während bloß ein paar falsche Worte gegen Muslime oder den Islam in Deutschland zur Hetze, im schlimmsten Fall zur strafbaren Volksverhetzung hinreichend sind. Auch gibt es keinen Aufschrei, wenn zentrale Figuren des Christentums verunglimpft werden, während für islamistische Mordanschläge auf die Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ teilweise sogar (nicht nur von Muslimen) noch Verständnis aufgebracht wurde.

Diese unterschiedliche Wahrnehmung und Behandlung speist sich aus dem herrschenden geschichtlichen Narrativ, worin dem Islam ein Platz der Unterdrückung, dem Christentum hingegen ein Platz der Herrschaft zuerkannt wird; unabhängig von der heutigen tatsächlichen Situation.

Nutznießer solcher Moral fallen dabei nicht immer in eins mit den Vertretern derselben, sondern finden womöglich in Anderen die stellvertretenden Verteidiger ihrer Vorteile. In machen Fällen ist ein Vertreter selbst auch gar nicht zugleich Mitglied irgendeiner Klasse der Nutznießer. Andererseits können sich Nutznießer auch aktiv gegen diese Art von Klassenmoral wenden. Aber es ist für Nutznießer natürlich verlockend, sich hinter sie als einem mächtigen Instrument für die eigenen Interessen zu stellen.

Nun das Entscheidende: Was würde passieren, wenn die so definierten Unterdrückten plötzlich nicht mehr die Unterdrückten sind, sondern selbst zu Unterdrückern werden, etwa aufgrund der gesellschaftlichen Etablierung der spezifischen Sklavenmoral? Nun, um dann die eigenen Vorteile nicht einbüßen zu müssen und die als geschichtlich ewige festgeschriebene Systemstruktur nicht preiszugeben, wären die Vertreter zumindest gezwungen, immer schamloser zu lügen – womöglich sogar sich selbst gegenüber.

Sie könnten das Bild auch retten, indem sie das Kriterium dazu in eigener dispositioneller Schwäche fundiert sehen würden, verbunden mit der Forderung, dass es geboten sei, den Schwachen zu helfen. Aber das ist nicht das Wesen der heutigen Sklavenmoral. Diese biedert sich der Schwäche nicht an: Schwäche selbst gilt als etwas Schlechtes. Unterdrücktwerden, Opfer sein, ist dagegen das Auszeichnende. Daher wird auch jegliche Schwäche als solche verschleiert, umgedeutet, und das betreffende Merkmal in Gegenreaktion übermäßig glorifiziert. So darf meist nicht neutral eingestanden werden, dass Homosexualität eine biologische Beeinträchtigung darstellt, weil ein Kinderwunsch so nicht auf natürlichem Wege verfolgt werden kann. Allerdings singt man gerne eine Ode an den „Gay Pride“. Ebenso darf die enorme seelische Beeinträchtigung der Transsexualität, die eine Rate versuchter Suizide von 41 % mit sich bringt, nicht unverhohlen ausgesprochen werden. Die Leiden müssen immer zugleich als hauptsächliche Folge von Diskriminierung uminterpretiert werden. Es ist auch schon ein Affront zu behaupten, Frauen seien auch nur in irgendeinem Bereich schwächer, schlechter als Männer. Sie sind, während sie unterdrückt sind, paradoxerweise doch zugleich mächtig, Powerfrauen. usw. Schwäche ohne Unterdrückung ist dieser Moral zuwider, da sie der behaupteten Autarkie und Gleichheit aller widerspricht. Und natürlich würde man als Schwacher irgendwo doch in der Schuld von gerechten Starken stehen, und könnte nicht zusammen mit geifernden Forderungen gegen die niederzuschlagenden Tyrannen stehen.

So wird zugleich eine einseitige Immunisierung gegen Kritik an der zu schützenden Klasse aufgebaut. Unliebsame Darstellungen können als politisch inkorrekt oder diskriminierend diffamiert werden. Klassifizierung selbst ist für diese Ideologie grundlegend, es kommt immer auf den jeweiligen Gebrauch an, was die Repressionen angeht.

Letztendlich geht einem solchen Weltbild jegliche Differenzierungsfähigkeit ab und eine feste Spaltung der Klassen in Gut und Böse ist vollends vollzogen, während der Mythos der Unterdrückung als vorentschieden einen integralen, aufrecht zu erhaltenden Bestandteil bildet, fern von einer ergebnisoffenen und immer neu zu vollziehenden Prüfung, wer wen wann in welchem Bereich im kleinen wie im großen tatsächlich unterdrückt oder diskriminiert, das wäre nämlich der Blick auf eigentliche Gerechtigkeit.

Dieselbe Spaltung lässt sich auch in den politischen Richtungen beobachten. Statt einer sachlichen Auseinandersetzung mit Inhalten, zieht man es vor, bestimmte Inhalte und Positionen einfach einer Klasse zuzuordnen und zu meinen, damit ein Argument formuliert zu haben: den Nazis. „Nazi“ scheint übrigens kein so schlimmer Begriff wie „Indianer“ zu sein, selbst wenn man damit einzelne Menschen ungewollt bezeichnet. Wir können also auch darauf hoffen, zumindest noch als Nazi zum Karneval erscheinen zu dürfen. Diese Spitze will nicht sachlich ununterfüttert bleiben:

An manchen Stellen möchte man Unterdrückung sehen. Man erinnere sich an die Behauptung u. a. des Regierungssprechers Seibert zu Hetzjagden und Pogromen in Chemnitz gegen Migranten bei einem Trauerzug wegen eines Mordes an einem Deutschen durch einen Migranten. Dieser bis heute unbelegten Behauptung widersprachen sowohl Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer („Es gab keinen Mob, es gab keine Hetzjagd in Chemnitz“), als auch mehrfach der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans Georg Maaßen, der wegen diesem ‚Vergehen‘ bekanntlich gehen gelassen wurde. Zudem kam im Nachhinein auch noch durch die Urheber ans Licht, dass das einzige Video, auf das man sich bei den Behauptungen stützte, folgenden Hintergrund hatte:

„Thomas B. fährt fort: »Kathrin hatte zu spät das Handy aus der Tasche gezogen, weshalb die 19 Sekunden tatsächlich nicht authentisch das gesamte Geschehen nahe der Bushaltestelle darstellen. Denn vorausgegangen war der Videoaufzeichnung eine böse Provokation gegenüber uns Trauernden. Durch zwei junge Migranten, die zunächst an der Bushaltestelle gestanden hatten und eigentlich aussahen wie wir.«

Kathrin B.: »Sie waren aggressiv auf uns zugekommen und hatten uns angepöbelt und wohl auch, aber eben schwer verständlich, ‚Verpisst euch‘ gerufen. So haben wir das in Erinnerung.«

»Dann kam es zu einem körperlichen Kontakt mit den beiden, wobei einem unserer Freunde der Inhalt eines Bierbechers über seine Kleidung und wohl auch ins Gesicht geschüttet wurde.« Weil Kathrin B. erschrocken »jetzt kracht’s aber« gedacht hatte, sei die Handy-Kamera angeschaltet worden.

Kathrin B. befürchtete, dass auch Thomas B. in Richtung der aggressiv auftretenden Migranten losstarten würde und rief ihm auf dem Video deutlich vernehmbar zu: »Hase, Du bleibst hier!«“

Über diese letztendliche Aufklärung des unter dem Pseudonym „Antifa Zeckenbiss“ verbreiteten und in ein falsches Licht gerückten Videos, berichtet das Gros der Mainstream-Medien sonderbarerweise nicht.

Aber apropos Antifa. Die Antifa, von der es laut Frau Stokowski ja nicht genug geben kann, bekennt sich zur Sachbeschädigung bei AfD-Politiker Schwarz, zu einem Anschlag auf eine Gaststätte, die als Versammlungsort der AfD dient, und zum womöglich versuchten Mordanschlag bzw. vollzogener Körperverletzung an AfD-Politiker Magnitz. Und dann gab es ja noch das… und das… und das… und das… und das… und das… und das… und das… und das… und das… möchte man sagen Pogrome? …Noch nicht genug? Jagdszenen. Körperverletzung. Möchte einer sagen politische Verfolgung? Welchen pervertierten Begriff von ‚Gerechtigkeit‘ wird man hervorzaubern, um das nicht eingestehen zu müssen?

Aber das reicht noch nicht. Nicht nur wer zur AfD gehört oder sich bloß mit ihr abgibt, soll Konsequenzen erfahren. Die Politisierung unseres Lebens soll abgesehen von der Einschneidung der politischen Korrektheit in viele Lebensbereiche auch das Familienverhältnis unter dem Vorzeichen der politischen Gesinnung betreffen. So titeln und in der Zeit-Online ernsthaft Wenn deine Eltern AfD wählen, warum nicht den Kontakt abbrechen? und lamentieren über die glimpfliche Konsequenz eines Shitstorm auf Twitter, den sie wegen „Anregung“ dieser „Debatte“ zu ertragen hatten. Immerhin kann man den Twitter-Benutzern zur Wahrung ihres gesunden Menschenverstandes gratulieren. Musste doch selbst der gute Sokrates gar den Schierlingsbecher trinken, weil er sich (ganz ohne politische Agenda) in das letzte sittlich Heilige, das Verhältnis der Kinder und Eltern einmischte?

Um nun einen Bogen zum ursprünglichen Thema zu schlagen: Neuerdings soll in Kindergärten auch die politische Gesinnung von Eltern der Kindergartenkinder durch diese Institution ausspioniert werden. Gunnar Schupelius schließt seinen Artikel mit den Worten:

„Ihnen aber vorzugeben, welche politischen Einstellungen sie als gefährlich einzustufen haben, ist ein Eingriff, den es in einem freien Land nicht geben darf.

Wehret den Anfängen, könnte man auch sagen.“

Klopf Klopf. Ein neuer Totalitarismus steht vor der Tür und lugt durch den Spalt. Öffnen wir?

 

Wohin mit der weiblichen Wut?

Heute betrachten wir einen Artikel von Alena Schröder, der online in der Süddeutschen Zeitung (SZ) erschienen ist.

Hier geht es zum Artikel.

Es geht um die These, dass Wut ein männliches Privileg sei.

Zunächst äußert sich die Autorin zu einem akutellen Geschehen in den USA: Brett Kavanaugh ist ein konservativer Richter, der nun durch Donald Trumps Hinarbeiten erfolgreich im Supreme Court der USA installiert wurde. Vor der Ernennung kam es zum Vorwurf der sexuellen Übergriffigkeit, die er vor Jahrzehnten (als 18 Jähriger) an Christine Blasey Ford (heute Psychologieprofessorin) begangen habe sollen.

„Christine Blasey Ford, die mit der Familie aus ihrem Haus fliehen musste und Morddrohungen erhält, seit die Anschuldigungen gegen Kavanaugh öffentlich wurden, musste also vor einer Riege älterer Herren und einem Millionenpublikum detailliert eine traumatische  Erfahrung schildern. Und sie erwies sich als mustergültige weibliche Zeugin: Sie sprach klar und gefasst, zeigte sich verletzlich und trotzdem sichtlich bemüht, es allen recht zu machen, unterdrückte Tränen, lächelte tapfer, entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten, die sie zu bereiten glaubte.

Kavanaugh dagegen wurde in seiner Rede laut und aggressiv, zwischendurch sah man ihn übermannt von Selbstmitleid, die Gesichtszüge verzerrt von kaum verhohlener Wut. Wäre dieser Auftritt ein Vorstellungsgespräch gewesen, hätte Kavanaugh nicht einmal den charakterlichen Eignungstest bestanden, um in Berlin als Busfahrer zu arbeiten. So, wie es momentan aussieht, hat er dennoch ganz gute Chancen auf einen lebenslangen Posten am Supreme Court, ausgestattet mit der Macht, beispielsweise das Recht auf Abtreibung zu kippen oder zumindest massiv einzuschränken.“

Es fällt auf, dass die Autorin mit der Rede von der „traumatischen Erfahrung“ rhetorisch impliziert, dass die Anschuldigungen gegen Kavanaugh wahr seien, obwohl dessen Schuld noch nicht bewiesen ist. Dies widerspricht juristischer Redlichkeit. Einen subjektiven Eindruck der Aussagen mag sich jeder selbst bilden – ich teile jenen der Autorin hier nicht – aber es ist herauszustellen, dass die Autorin dieselbe emotionale Regung auf zwei verschiedene Arten darstellt, nämlich einmal als „sich verletzlich zeigen, es trotzdem allen recht machen wollen, unterdrückte Tränen“ und andererseits als „übermannt von Selbstmitleid“. Die moralisch negative Kategorie des Selbstmitleides wird der tugendhaften leidvollen Tapferkeit gegenübergestellt, um ein bestimmtes Bild zu zeichnen, nämlich das von Täter und Opfer – bevor der Prozess entschieden ist. Die Beschreibung der Emotion soll zusätzlich die Grundthese des Artikels decken: Er ist überMANNt; Sie ist tugendhaft kontrolliert.

Im Übrigen wäre eine laute, aggressive Rede im möglichen Falle einer Falschbeschuldigung wohl durchaus verständlich. Das Leid, dass Kavanaugh privat wegen der Anschuldigungen erfahren musste, thematisiert die Autorin nicht.

Im letzten Abschnitt offenbart die Autorin einen möglichen Grund für ihre Wahrnehmung des Prozesses und ihre Ignoranz ob des Grundsatzes, dass nicht Unschuld, sondern Schuld zu beweisen ist: Eine persönliche Antipathie mit der politischen Einstellung Kavanaughs; da die Beschränkung des Abtreibungsrechts nicht im Interesse der Autorin liegen dürfte, sofern ich sie richtig einschätze.

Sehen wir uns an, wie die Autorin andere juristische Belange im Zuge des Artikels beschreibt:

„[Man hat Hillery Clinton] kein einziges Mal öffentlich ausrasten sehen wegen all der unglaublichen Lügen, die bis heute über sie verbreitet werden, inklusive der Behauptung, sie betreibe aus dem Keller einer Pizzeria einen Kinderpornoring.“

Im Falle von Hillery Clinton scheint die Autorin kein Problem mit Unschuldsbehauptungen bei nicht bewiesener Schuld zu haben, nein, sie spricht sogar von „unglaublichen Lügen“. Man hätte dem Muster gemäß erwartet, dass sie sich sofort auf die Seite der ‚traumatisierten und geschändeten Kinder‘ (um im Duktus der Autorin zu bleiben) gestellt hätte. Woran liegt das nur…

„Marlies Krämer, die vor Gericht ziehen musste, um von ihrer Sparkasse mit der banalen Höflichkeit bedacht zu werden, nicht als Kunde, sondern als Kundin angesprochen zu werden, hätte allen Grund gehabt, nach dem verlorenen Prozess ein bisschen in der Sparkassenzentrale zu marodieren.“

Der Autor befürwortet also sich persönlich aggressiv zu wehren, wenn auf dem juristischen Wege der eigene Wille nicht durchgesetzt werden konnte. Man muss das in aller Deutlichkeit aussprechen! Sofern ich keinem Satireartikel aufgesessen bin, sieht der Autor einen legitimen Grund zu „marodieren“ (was wohlwollend interpretiert vom Wutausbruch bis zur Sachbeschädigung reichen kann), wenn die Agenda feministischer Sprachregelungen juristisch nicht durchgesetzt werden konnte. Ich weiß nicht, was hier das größere Armutszeugnis für unsere Gesellschaft ist: Diese Haltung des Autors, oder dass jemand wegen einer verwehrten „banalen Höflichkeit“ vor Gericht und sogar noch in die zweite Instanz zieht.

Es folgen im Artikel noch einige Beispiele in denen die Wut einer Frau angeblich gesellschaftlich nicht in dem Maße geduldet oder gewürdigt wird, wie es dem männlichen Pendant zukomme (Serana Williams, Andrea Nahles, Claudia Roth). Wissenschaftlich repräsentativ ist das natürlich nicht, sondern es soll stattdessen ein Narrativ unterfüttern.

Zum Ende heißt es dann:

„Vielleicht könnte Hollywood, als Teil der Wiedergutmachung nach all den #Metoo-Skandalen, ja wenigstens im Fiktionalen für eine identitätsstiftende Vorbildfigur sorgen und mal eine Superheldin erfinden, deren Superkraft sich nicht aus Güte, Liebe oder Gerechtigkeitssinn speist, sondern aus nackter, kalter Wut.“

Die Autorin möchte also implizieren, dass Reparationen von der Instanz ‚Hollywood‘ für die Taten von Individuen nötig wären. Die Forderung, den ganzen literarisch-filmischen Trope des Superhelden dafür konzeptuell umzudeuten, geht dann doch etwas zu weit. Nackte, kalte Wut als dominierende Eigenschaft macht eine Figur nämlich mindestens zu einem Antihelden, wenn nicht zu einem Superschurken.

Eine Vorbildfunktion in der Eigenschaft nackter, kalter Wut zu wünschen ist überdies pathologisch bedenklich und sehr wahrscheinlich äußerst gesellschaftsschädigend. Oder wie argumentiert man dann noch für Maßnahmen gegen „Hassrede“, sofern diese einer deskriptiven Kategorie gerecht werden kann, anstatt als Kampfbegriff gegen alles Fabrikat des politischen Gegners zu stehen?

Noch einmal zurück zum Kavanaugh-Fall. Die Autorin beklagt:

„Als Frau diese Anhörung zu sehen und dabei nicht eine brodelnde, schäumende, dampfende Pfütze Wut im Bauch zu spüren, war fast unmöglich.“

Dem möchte ich noch entschieden widersprechen, denn der Satz verunglimpft nüchterne, vernünftige Frauen. Nicht als Frau waren ihr diese Gefühlszustände auferlegt, sondern als Alena Schröder. Die eigene Pathologie auf das Geschlecht zu projizieren und dabei permanent die Agenda „wir gegen sie“, „Frauen gegen Männer“ zu forcieren ist gesellschaftszersetzend und wahnhaft. Noch ein paar Belege der Misandrie aus dem Artikel gefällig?

„Es gibt hierzulande auch keinen wütenden Frauenmob, der in den Straßen auf Männerjagd geht und für den Politiker »Verständnis« einfordern müssten, obwohl statistisch gesehen jeden dritten Tag in Deutschland eine Frau von ihrem aktuellen oder ehemaligen Partner umgebracht wird.“

Was sind solche haarsträubenden, extremistischen Gedankenverknüpfungen anderes als ein offener Aufruf zum Krieg „der Frauen“ gegen „die Männer“, weil es Morde von bestimmten Männern an bestimmten Frauen gibt?!

„[Vor sich hinbrodelnde Wutpfütze] ist das, was [Merkel] mit fast allen Frauen in diesem Land verbindet, auch mit denen, die ihr vielleicht keinerlei politische Sympathie entgegen bringen, sich aber trotzdem mit Wonne vorstellen, wie sie aufgeblasene Männeregos mit dem Absatz ihrer praktischen Schuhe zerbröselt.“

 

Zu guter Letzt kommen wir nach sachlicher Analyse zur Konklusion, dass die These der Autorin gerade dadurch widerlegt wird, dass ein derart vor Wut, Sexismus, Misandrie und Selbstgerechtigkeit triefender Artikel in einem anerkannten Mainstreammedium wie der SZ veröffentlicht werden darf. Es würde mich nicht wundern, wenn der Artikel objektiv betrachtet den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Weibliche Wut wird gesellschaftlich großmütig toleriert, während wir im Zuge von „metoo“ oder „pro-choice“ Demonstrationen medial schon jahrelang an Frauen gewöhnt sind, die ihre Wut und ihren Hass offen und oft unsachlich zum Ausdruck bringen.

Feminismus: Wie sexistisch es ist, wenn der Mann beim Date bezahlt

Heute wenden wir uns einem Artikel der Autorin Anastasia Rastorguev zu, der mit dem oben genannten Titel auf der Seite Bento erschien.

Hier gehts zum ganzen Artikel

Der Artikel ist eine Auseinandersetzung des Verhältnisses von Sexismus und Feminismus zu den alten Rollenbildern der Ritterlichkeit und des männlichen Kavaliersverhaltens gegenüber Frauen. („Kavalier“ kommt übrings von dem lateinischen Wort für Pferdeknecht – da könnte also die Frau zum Gaul und der Mann zum Knecht werden.) Fangen wir mit der Aufschlüsselung einer Definitionsfrage an:

„Ich selbst bin überzeugt davon, dass Männer und Frauen politisch, ökonomisch und sozial gleichberechtigt behandelt werden sollen. Ich bin Feministin.“

Was ist mit dem Begriff „gleichberechtig“ hier gemeint? Ist damit gemeint, dass beide Geschlechter die gleichen Rechte haben sollen und vor Gericht dementsprechend behandelt werden sollen? Dies wäre die wörtliche Bedeutung des Begriffes und fiele als Aufgabe der Justiz zu. Traditionell wird dies vom Begriff der Gleichstellung unterschieden, worunter man „Maßnahmen der Angleichung der Lebenssituation“ versteht. Da es im Artikel um Sexismus im direkten alltäglichen Bezug von Männern auf Frauen geht und wie der Feminismus zu einer bestimmten Thematik dieses Bezuges steht, scheint im Gebrauch der Autorin des Begriffes „Gleichberechtigung“ auch die Gleichstellung miteinbegriffen zu sein. Ginge es im Feminismus nur um die wörtliche Gleichberechtigung, würde sich die Frage nicht stellen, wie er zu genannter Thematik steht, da diese nichts mit Rechten oder Gesetzen zu tun hat.

Diese Auffassung bestätigt sich in folgendem Zitat:

„Das, worum es beim Feminismus aber wirklich geht, ist Gleichberechtigung. Frauen und Männer sind gleichwertig und sollen auch so behandelt werden. Gleichwertig, aber nicht gleich.

Bei der Gleichberechtigung geht es natürlich nicht darum, dass Männer und Frauen gleichwertig, aber nicht gleich vom Gesetz behandelt werden. Hat jeder dieselben Rechte, wird jeder vollkommen gleich behandelt. Eine gleichwertige, aber nicht gleiche Behandlung ist also die Vorstellung der Autorin von erfolgreicher Gleichstellung, die mit dem Feminismus konform geht. Das heißt, der Inhalt der Lebenssituationen soll gleichwertig sein, aber kann für Männer und Frauen verschieden sein. Damit rechtfertigt die Autorin die Kohärenz ihrer Vorlieben mit dem Feminismus:

„Deswegen besteht auch überhaupt kein Widerspruch darin, eine überzeugte Feministin zu sein, und sich trotzdem gern zum Essen ausführen zu lassen.

„Doch ich muss gestehen, dass ich es sehr mag, bei einem Date abgeholt, zum Essen eingeladen und umworben zu werden. Ich möchte, dass mein Freund die schweren Sachen trägt.“

Nun die Crux bei dieser Sache: Man stelle sich die Frage, ob es denn eine gleichwertige Behandlung sei, wenn einer abholt, zum Essen einlädt, umwirbt, schwere Sachen trägt usw. während der Andere diese Dienste bloß erhält. Jeder wird zustimmen können, dass es die Lebenssituation aufwertet, all diese Dinge standartmäßig zu erhalten, im Unterschied dazu, sie zu verrichten.

Der Feminismus wäre also gefragt, die altmodischen Rollenbilder, welche die Ritterlichkeit einem Geschlecht fest zuordnet und für das andere einfordert, rigoros zu bekämpfen, um solches aus den Köpfen der Menschen zu verbannen, wenn diese Bewegung sich für Gleichstellung einsetzt, wie die Autorin behauptet.

Aber halt! Es geht hier um die Lebenssituation insgesamt, in der Frauen und Männer Gleichwertigkeit in der Behandlung erfahren sollen. Wir erinnern uns an das „Gleichwertig, aber nicht gleich“ der Autorin. Sie hält deswegen wohl die Angleichung in diesen Rollen(bildern) für verfehlt, denn das würde den Vorlieben der Frauen widersprechen:

„Doch ich habe das Gefühl: Manchmal, zum Beispiel wenn es um die Liebe geht oder um Dating, dann ist vielen Frauen das Umworben-Werben, ja, die Ritterlichkeit von Männern noch immer wichtig. Sie genießen es, wenn ein Mann ihnen die Tür aufhält – andere finden, dass ein Mann gern in den Mantel helfen sollte.“

Wo ist nun aber der Ausgleich, der Männern in einem anderen Lebensbereich eine Aufwertung gegenüber Frauen feministisch konform gewährt, um die Gleichwertigkeit der Lebenssituationen insgesamt wiederherzustellen? Dazu schweigt die Autorin leider geflissentlich. Und so schwebt die angeblich gleichwertige Behandlung, die die Autorin meint zu verteidigen, in der Luft.

Rollenbilder sind also nur dann gerechtfertigt zu kritisieren, wenn sie zum Nachteil der Frau werden oder ihrem Willen nicht entsprechen:

„Frauen beschweren sich oft über altmodische Rollenbilder – und das zurecht: in der Karriere, bei der Kindererziehung, wenn es um Serien oder Filme geht.“

Vielleicht gibt die allgemeine Stoßrichtung (man verzeihe mir den Gebrauch dieses maskulinistischen Wortes) des Artikels über die Ignoranz der Autorin in dieser Sache Aufschluss. Es wird ausdrücklich gefragt, ob die Ritterlichkeit als sexistisch gegenüber Frauen zu betrachten sei, da diese dabei als das schwächere Geschlecht behandelt würden. Was diese Rollenbilder für das andere Geschlecht und damit für das ganze Geschlechterverhältnis bedeuten, wird mit keiner Silbe erwähnt. Es ist ein toter Winkel der Autorin. Dabei ist das geradezu absurd, da es einem im Artikel die ganze Zeit ins Auge springt.

„Vor einer Weile regte sich die ganze Welt auf – über Rüpel-Präsident Trump, der beim Aussteigen aus dem Auto nicht auf Gattin Melania gewartet hatte, bevor er losmarschierte. Unhöflich, hieß es da. Oder: So geht er also mit Frauen um!“

Der Druck, den die Gesellschaft auf Männer ausübt, das andere Geschlecht besser als ihr eigenes zu behandeln, bzw. selbst zurückzustecken, wird nicht thematisiert. Das Beispiel ist klug gewahlt, es ist nur Trump, eine Persona non grata in der öffentlichen Meinung.

„Muss ein Mann… […] Sollten Männer… […] Oder sollten sie…“

Müssen, Sollen… Aha. Nach dem Wollen der Männer wird nicht gefragt.

 

Was ist hier also passiert? a) Entweder wird die Autorin ihrer Rolle als Feministin nicht gerecht und betreibt stattdessen Rosinenpickerei, d.h. sie möchte ihre Wünsche und einen persönlichen Vorteil qua Rollenbilder nicht zugunsten des Feminismus aufgeben. Oder b) Feminismus wird von der Autorin nicht richtig dargestellt. Dabei fragt sie sich selbst, warum viele Menschen etwas anderes darunter verstehen als sie:

„[…] könnte es hilfreich sein, sich anzuschauen, warum viele allergisch auf das Wort Feminismus reagieren. Einige denken dabei an aggressive, unangenehm selbstbewusste Frauen mit unrasierten Achseln, an BHs in Flammen oder Wutreden auf Männer.“

Sicherlich, die allergische Reaktion auf Feminismus, wird aufgrund der Vorstellung unrasierter Achseln ausgelöst. Die Autorin veranschaulicht gut ein Ausweichmanöver in Form einer humoristischen Einlage, verbunden mit einem Strohmann, um ihre Meinung dem Leser besser zu verkaufen. Meine Vermutung für eine Erklärung der allergischen Reaktion liegt eher bei den genannten Punkten a) und b) – sei der Feminismus entweder selbst nicht das, was er von sich nach außen behauptet, oder seien das Problem viele sich so nennende Feministen und Feministinnen, wie die Autorin, die bloß an der Rechtfertigung der Bevorteilung eines Geschlechts arbeiten, anstatt für Gleichstellung und Gleichbehandlung zu kämpfen.

P.S.: Es wird im Artikel übrigens eine Studie herangezogen, bei der eine Selbsteinschätzung vorkam, ob man sich sexistisch oder feministisch findet. Ob es sich hier um ein inkludierendes oder exkludierendes „oder“ handelt, wird nicht gesagt, aber die Möglichkeit des Letzteren macht die Frage hochgradig suggestiv. Warum nimmt man verzerrendes Studiendesign in kauf? Muss man die Möglichkeit von sexistischem Feminismus und Nicht-Sexismus ohne Feminismus durch Suggestionen ausblenden, weil es nicht durch Argumente gelingt?

 

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