Incels. Über (keinen) Sex in modernen Gesellschaften.

Dies ist ein heißes Eisen, aber doch zu wichtig um nicht darüber zu schreiben, vor allem in Anbetracht dessen, dass es so gut wie keinen differenzierten, holistischen Artikel dazu gibt. Umso wichtiger ist es, dass man weitestgehend empirisch-evidenzbasiert an die Sache herangeht. Da es sich hierbei um den bisher mit Abstand längsten Artikel auf diesem Blog handelt, gibt es diesmal zum Zurechtfinden ein Inhaltsverzeichnis mit Sprungmarken:

Was sind Incels?

Fangen wir mit einer Begriffsbestimmung an. Incels. Was soll das sein? Worum geht es hier überhaupt? – So wird man vielleicht fragen, wenn man das Internet nicht allzu intensiv frequentiert. Denn obwohl der Begriff innerhalb des Internetjargons derweil an Popularität gewonnen hat (einerseits als Selbstbezeichnung, andererseits als Beleidigung), findet er sonst fast nirgendwo Verwendung. Bei dem Wort handelt es sich um ein Portmanteau aus involuntary und celibate, meint also unfreiwillig zölibatär.

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Feminismus: Wie sexistisch es ist, wenn der Mann beim Date bezahlt

Heute wenden wir uns einem Artikel der Autorin Anastasia Rastorguev zu, der mit dem oben genannten Titel auf der Seite Bento erschien.

Hier gehts zum ganzen Artikel

Der Artikel ist eine Auseinandersetzung des Verhältnisses von Sexismus und Feminismus zu den alten Rollenbildern der Ritterlichkeit und des männlichen Kavaliersverhaltens gegenüber Frauen. („Kavalier“ kommt übrings von dem lateinischen Wort für Pferdeknecht – da könnte also die Frau zum Gaul und der Mann zum Knecht werden.) Fangen wir mit der Aufschlüsselung einer Definitionsfrage an:

„Ich selbst bin überzeugt davon, dass Männer und Frauen politisch, ökonomisch und sozial gleichberechtigt behandelt werden sollen. Ich bin Feministin.“

Was ist mit dem Begriff „gleichberechtig“ hier gemeint? Ist damit gemeint, dass beide Geschlechter die gleichen Rechte haben sollen und vor Gericht dementsprechend behandelt werden sollen? Dies wäre die wörtliche Bedeutung des Begriffes und fiele als Aufgabe der Justiz zu. Traditionell wird dies vom Begriff der Gleichstellung unterschieden, worunter man „Maßnahmen der Angleichung der Lebenssituation“ versteht. Da es im Artikel um Sexismus im direkten alltäglichen Bezug von Männern auf Frauen geht und wie der Feminismus zu einer bestimmten Thematik dieses Bezuges steht, scheint im Gebrauch der Autorin des Begriffes „Gleichberechtigung“ auch die Gleichstellung miteinbegriffen zu sein. Ginge es im Feminismus nur um die wörtliche Gleichberechtigung, würde sich die Frage nicht stellen, wie er zu genannter Thematik steht, da diese nichts mit Rechten oder Gesetzen zu tun hat.

Diese Auffassung bestätigt sich in folgendem Zitat:

„Das, worum es beim Feminismus aber wirklich geht, ist Gleichberechtigung. Frauen und Männer sind gleichwertig und sollen auch so behandelt werden. Gleichwertig, aber nicht gleich.

Bei der Gleichberechtigung geht es natürlich nicht darum, dass Männer und Frauen gleichwertig, aber nicht gleich vom Gesetz behandelt werden. Hat jeder dieselben Rechte, wird jeder vollkommen gleich behandelt. Eine gleichwertige, aber nicht gleiche Behandlung ist also die Vorstellung der Autorin von erfolgreicher Gleichstellung, die mit dem Feminismus konform geht. Das heißt, der Inhalt der Lebenssituationen soll gleichwertig sein, aber kann für Männer und Frauen verschieden sein. Damit rechtfertigt die Autorin die Kohärenz ihrer Vorlieben mit dem Feminismus:

„Deswegen besteht auch überhaupt kein Widerspruch darin, eine überzeugte Feministin zu sein, und sich trotzdem gern zum Essen ausführen zu lassen.

„Doch ich muss gestehen, dass ich es sehr mag, bei einem Date abgeholt, zum Essen eingeladen und umworben zu werden. Ich möchte, dass mein Freund die schweren Sachen trägt.“

Nun die Crux bei dieser Sache: Man stelle sich die Frage, ob es denn eine gleichwertige Behandlung sei, wenn einer abholt, zum Essen einlädt, umwirbt, schwere Sachen trägt usw. während der Andere diese Dienste bloß erhält. Jeder wird zustimmen können, dass es die Lebenssituation aufwertet, all diese Dinge standartmäßig zu erhalten, im Unterschied dazu, sie zu verrichten.

Der Feminismus wäre also gefragt, die altmodischen Rollenbilder, welche die Ritterlichkeit einem Geschlecht fest zuordnet und für das andere einfordert, rigoros zu bekämpfen, um solches aus den Köpfen der Menschen zu verbannen, wenn diese Bewegung sich für Gleichstellung einsetzt, wie die Autorin behauptet.

Aber halt! Es geht hier um die Lebenssituation insgesamt, in der Frauen und Männer Gleichwertigkeit in der Behandlung erfahren sollen. Wir erinnern uns an das „Gleichwertig, aber nicht gleich“ der Autorin. Sie hält deswegen wohl die Angleichung in diesen Rollen(bildern) für verfehlt, denn das würde den Vorlieben der Frauen widersprechen:

„Doch ich habe das Gefühl: Manchmal, zum Beispiel wenn es um die Liebe geht oder um Dating, dann ist vielen Frauen das Umworben-Werben, ja, die Ritterlichkeit von Männern noch immer wichtig. Sie genießen es, wenn ein Mann ihnen die Tür aufhält – andere finden, dass ein Mann gern in den Mantel helfen sollte.“

Wo ist nun aber der Ausgleich, der Männern in einem anderen Lebensbereich eine Aufwertung gegenüber Frauen feministisch konform gewährt, um die Gleichwertigkeit der Lebenssituationen insgesamt wiederherzustellen? Dazu schweigt die Autorin leider geflissentlich. Und so schwebt die angeblich gleichwertige Behandlung, die die Autorin meint zu verteidigen, in der Luft.

Rollenbilder sind also nur dann gerechtfertigt zu kritisieren, wenn sie zum Nachteil der Frau werden oder ihrem Willen nicht entsprechen:

„Frauen beschweren sich oft über altmodische Rollenbilder – und das zurecht: in der Karriere, bei der Kindererziehung, wenn es um Serien oder Filme geht.“

Vielleicht gibt die allgemeine Stoßrichtung (man verzeihe mir den Gebrauch dieses maskulinistischen Wortes) des Artikels über die Ignoranz der Autorin in dieser Sache Aufschluss. Es wird ausdrücklich gefragt, ob die Ritterlichkeit als sexistisch gegenüber Frauen zu betrachten sei, da diese dabei als das schwächere Geschlecht behandelt würden. Was diese Rollenbilder für das andere Geschlecht und damit für das ganze Geschlechterverhältnis bedeuten, wird mit keiner Silbe erwähnt. Es ist ein toter Winkel der Autorin. Dabei ist das geradezu absurd, da es einem im Artikel die ganze Zeit ins Auge springt.

„Vor einer Weile regte sich die ganze Welt auf – über Rüpel-Präsident Trump, der beim Aussteigen aus dem Auto nicht auf Gattin Melania gewartet hatte, bevor er losmarschierte. Unhöflich, hieß es da. Oder: So geht er also mit Frauen um!“

Der Druck, den die Gesellschaft auf Männer ausübt, das andere Geschlecht besser als ihr eigenes zu behandeln, bzw. selbst zurückzustecken, wird nicht thematisiert. Das Beispiel ist klug gewahlt, es ist nur Trump, eine Persona non grata in der öffentlichen Meinung.

„Muss ein Mann… […] Sollten Männer… […] Oder sollten sie…“

Müssen, Sollen… Aha. Nach dem Wollen der Männer wird nicht gefragt.

 

Was ist hier also passiert? a) Entweder wird die Autorin ihrer Rolle als Feministin nicht gerecht und betreibt stattdessen Rosinenpickerei, d.h. sie möchte ihre Wünsche und einen persönlichen Vorteil qua Rollenbilder nicht zugunsten des Feminismus aufgeben. Oder b) Feminismus wird von der Autorin nicht richtig dargestellt. Dabei fragt sie sich selbst, warum viele Menschen etwas anderes darunter verstehen als sie:

„[…] könnte es hilfreich sein, sich anzuschauen, warum viele allergisch auf das Wort Feminismus reagieren. Einige denken dabei an aggressive, unangenehm selbstbewusste Frauen mit unrasierten Achseln, an BHs in Flammen oder Wutreden auf Männer.“

Sicherlich, die allergische Reaktion auf Feminismus, wird aufgrund der Vorstellung unrasierter Achseln ausgelöst. Die Autorin veranschaulicht gut ein Ausweichmanöver in Form einer humoristischen Einlage, verbunden mit einem Strohmann, um ihre Meinung dem Leser besser zu verkaufen. Meine Vermutung für eine Erklärung der allergischen Reaktion liegt eher bei den genannten Punkten a) und b) – sei der Feminismus entweder selbst nicht das, was er von sich nach außen behauptet, oder seien das Problem viele sich so nennende Feministen und Feministinnen, wie die Autorin, die bloß an der Rechtfertigung der Bevorteilung eines Geschlechts arbeiten, anstatt für Gleichstellung und Gleichbehandlung zu kämpfen.

P.S.: Es wird im Artikel übrigens eine Studie herangezogen, bei der eine Selbsteinschätzung vorkam, ob man sich sexistisch oder feministisch findet. Ob es sich hier um ein inkludierendes oder exkludierendes „oder“ handelt, wird nicht gesagt, aber die Möglichkeit des Letzteren macht die Frage hochgradig suggestiv. Warum nimmt man verzerrendes Studiendesign in kauf? Muss man die Möglichkeit von sexistischem Feminismus und Nicht-Sexismus ohne Feminismus durch Suggestionen ausblenden, weil es nicht durch Argumente gelingt?