Incels. Über (keinen) Sex in modernen Gesellschaften.

Dies ist ein heißes Eisen, aber doch zu wichtig um nicht darüber zu schreiben, vor allem in Anbetracht dessen, dass es so gut wie keinen differenzierten, holistischen Artikel dazu gibt. Umso wichtiger ist es, dass man weitestgehend empirisch-evidenzbasiert an die Sache herangeht. Da es sich hierbei um den bisher mit Abstand längsten Artikel auf diesem Blog handelt, gibt es diesmal zum Zurechtfinden ein Inhaltsverzeichnis mit Sprungmarken:

Was sind Incels?

Fangen wir mit einer Begriffsbestimmung an. Incels. Was soll das sein? Worum geht es hier überhaupt? – So wird man vielleicht fragen, wenn man das Internet nicht allzu intensiv frequentiert. Denn obwohl der Begriff innerhalb des Internetjargons derweil an Popularität gewonnen hat (einerseits als Selbstbezeichnung, andererseits als Beleidigung), findet er sonst fast nirgendwo Verwendung. Bei dem Wort handelt es sich um ein Portmanteau aus involuntary und celibate, meint also unfreiwillig zölibatär.

(1) Im weiten wörtlichen Sinne bezeichnet man damit Menschen (allerdings fast ausschließlich für Männer gebraucht), die aus sozialen Gründen nicht sexuell aktiv sind und keine Intimbeziehungen haben, sich dies aber wünschen. Hierbei kann noch einmal unterschieden werden, ob das für betreffende Person nur zeitabschnittsweise gilt (1a) oder ob im ganzen Leben keine derartigen Erfahrungen gemacht werden konnten (1b).

(2) Im engeren Sinne steht die (Selbst-)Bezeichnung Incel für einen Partizipanten der sogenannten Blackpill Internet-Subkultur. Hierbei handelt es sich um Männer, die in den Bereich der ersten Begriffsbestimmung fallen, sich darüber in Internetforen in einem eigenen Jargon austauschen und ein mehr oder weniger klar umrissenes gemeinsames Weltbild haben. Dieses ist hauptsächlich geprägt von Nihilismus und persönlicher Frustration. Nicht wenige äußern sich latent suizidal. Deren Sicht auf die heutige Gesellschaft und Intimbeziehungen handelt von harten Marktmechanismen und beinhaltet häufig Verachtung für diese oder das andere Geschlecht. Man kann auch von einem grundsätzlich vom Normalen abweichenden moralischen Kompass sprechen. Schadenfreude gegenüber den ‚Gewinnern‘ der Gesellschaft gehört als sogenanntes „Lifefuel“ (Treibstoff, um selbst weiterzuleben; Gegenbegriff zum „Suicidefuel“) zum festen Bestandteil der Themen, was bei manchen bis hin zur Freude über Amokläufe reicht. Bei bisher mindestens drei Fällen lässt sich auch ein solcher Täter eindeutig der Incel-Szene zuordnen, wodurch es auch erst zu medialer Aufmerksamkeit auf die Szene kam.

In diesem Artikel möchte ich mich weniger mit den Inhalten der Subkultur auseinandersetzen, sondern zunächst mit dem Ausmaß und den Rahmenbedingungen von (1) und damit zusammenhängend mit dem Übergang von (1) zu (2), d.h. was erklären könnte, dass sich eine solche Subkultur gebildet hat bzw. sich Männer dergestalt radikalisieren. Der Artikel macht sich zur Maxime, das Phänomen tiefer zu verstehen.

Die heutige Lage junger Männer

a) Daten und Fakten zum Sex

Fangen wir also zuerst einmal mit ein paar Daten und Fakten an, um zu überblicken, mit welchen Größen wir es hier zu tun haben. Dies erfolgt hier detailliert und ist deswegen auch eine etwas trockene Materie. Wer sich für die genaue Ausarbeitung nicht interessiert, kann auch nur die Zusammenfassung lesen und gleich zum Abschnitt „Dating“ springen.

Was oben unter 1b definiert wurde, bezeichnet Robin Sprenger in seiner Dissertation („Männliche Absolute Beginner. Ein kommunikationswissenschaftlicher Ansatz zur Erklärung von Partnerlosigkeit.“ 2014) als „Absolute Beginner“. Es ist nicht die hamburger Musikgruppe gemeint, sondern „Männer zwischen 18 und 35 Jahren, die über keine Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr verfügen.“ Er führt darin einen Datensatz einer Befragung deutscher Studenten von 1996 an (S. 39). Die Prozentzahlen, die angeben, auf welchen Anteil Männer die Definition zutrifft, sind Altersgruppen zugeordnet:

19-2128.8%
22-2418,1%
25-278,1%
28-308,4%
Durchschnitt13,7%

Zum Vergleich Frauen:

19-2115,9%
22-246,7%
25-275,1%
28-302,0%
Durchschnitt7,5%

Sprenger merkt noch an, dass „sexuelle Unerfahrenheit und Partnerlosigkeit in unserer Gesellschaft als soziale Makel gelten (siehe folgendes Kapitel). Vor diesem Hintergrund ist in den bisherigen Studien auch von einer nicht unerheblichen Dunkelziffer auszugehen. ‚Absolute Beginner‘ schämen sich für ihre Situation, sehen sich als ‚Versager‘ und entziehen sich deshalb weitgehend der Forschung“ (S. 40). Auch geht aus den Daten nicht hervor, inwiefern bezahlter Geschlechtsverkehr in sie eingeflossen ist.

Eine Studie (Eisenberg et al. 2009) mit Daten von 2002 in Amerika zeigt ein ähnliches Bild: 13,9% der Männer im Alter von 25-45 gaben an, noch nie Sex gehabt zu haben. Das Minimum für 1b kann also bei ~10% der jungen Männer angesetzt werden, was es mit jedem zehnten also schon nicht zur Ausnahmeerscheinung macht.

Die einzigen aktuellen Zahlen zum Anteil an Männern ohne Sexualerfahrung, welche ich finden konnte, stammen aus einem Bericht der Washinton Post:

Während die Zahlen in den vorherigen Jahren um die ~10% kreisen und damit das oben Erbrachte bestätigen, soll von 2008 bis 2018 der Anteil an Männern ohne Sexualerfahrung auf 27% gewachsen sein. Nun muss man einklammernd erwähnen, dass hier nicht sensu stricto von Jungfräulichkeit die Rede ist, sondern ab dem 18. Lebensjahr betrachtet. Es ist natürlich möglich, davor schon sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben und danach nicht mehr. Zudem waren nähere Details zur Studie/Analyse abseits des Berichts nicht auffindbar.

Wie plausibel dieser Anstieg letztlich ist, wird besser einzuschätzen sein, wenn man sich zunächst an die Quantifizierung von 1a macht. Zur Erinnerung: Unter die Definition von 1a fallen Männer, welche zumindest einen substantiell relevanten Zeitraum lang unfreiwillig auf sexuellen Kontakt bzw. Intimbeziehungen verzichten müssen, aber nicht zwangsläufig zuvor überhaupt keine derartigen Erfahrungen gemacht haben.

Sehnen wir uns zuerst an, wie viele Singles es unter jungen Menschen gibt. Sprenger führt die kumulierten ALLBUS-Datensätze von 1980 bis 2004 an (S. 37). Demnach sind 60,4% aller Männer im Alter unter 30 Jahren partnerlos, während das nur auf 35,6% aller Frauen derselben Altersgruppe zutrifft. Das lässt nur den Schluss zu, dass junge Frauen häufiger Beziehungen außerhalb ihrer Altersgruppe eingehen und/oder einige Männer derselben Altersgruppe gleichzeitig mehrfach Frauen belegen. Wie dem auch sei geht daraus hervor, dass sich 60% junge Männer um 35% junge Frauen streiten müssen, wobei zu deren Konkurrenz noch einmal ein Anteil älterer Männer hinzukommt. Dem ist schwer auszuweichen, da die alterstechnische Orientierung junger Männer nach unten begrenzt ist und jene nach oben in unserer Gesellschaft nicht üblich ist bzw. von beiden Geschlechtern in dieser Konstellation i.d.R. abgelehnt wird.

Durch diese Zahlen lässt sich jedoch erstens noch nichts darüber sagen, wie lange eine Person je ihr Single-Dasein fristet, zweitens erfahren wir nichts über das Geschehen der Promiskuität, und drittens reichen die Daten nur bis 2004, also enden vor dem Zeitraum des oben verzeichneten drastischen Anstiegs männlicher Jungfräulichkeit.

Glücklicherweise gibt es eine brandaktuelle Studie von Juni 2020 (Ueda et al.), welche Daten von 2000-2018 detailliert auf diese Themen hin analysiert. Die folgenden Zahlen beziehen sich auf den Sex innerhalb des letzten Jahres. Wer hier Null Partner oder bei der Frequenz „überhaupt nicht“ angibt, hatte mindestens 12 Monate lang keinen Sex. Diese Zeitspanne halte ich als Mindestmaß für die Definition von 1a angemessen, d.h. sie ist die Lebenssituation betreffend substantiell relevant. Hier zunächst die Zahlen nur für 2016-2018:

Die aktuellesten Zahlen ergeben, dass 30.9% der Männer im Alter zwischen 18-24 Jahren seit mindestens einem Jahr keinen Sex mehr hatten, also jeder dritte. Bei Frauen liegt der Anteil unter 20%. Auffallend ist auch der mit den Männern verglichen deutlich höhere Anteil an Frauen mit wöchentlichem Sex (F: ~52% vs. M: ~37%) und jenen mit genau einem Sexualpartner im letzten Jahr (F: 60% vs. M: 30%). Hingegen im Bereich drei oder mehr Sexualpartner überholen Männer die Frauen deutlich (F: ~12% vs. M: ~22%).

All diese Verhältnisse bleiben für die Altersgruppe 25-35 Jahre mit kleinerem quantitativem Unterschied erhalten. Erst in der Altersgruppe 35-44 Jahre ziehen Frauen und Männer in allen Bereichen fast gleich. Die Sexlosen bilden dort unter 10%.

Betrachten wir nun noch die Veränderungen über die Jahre hinweg in der jüngsten Altersgruppe der Männer:

Wir sehen von 2000 bis 2018 einen drastischen Anstieg der sexlosen Männer von 18.9% auf genannte 30,9%. Nimmt man die Männer aller Altersgruppen zusammen (also 18-44 Jahre) kommt man auf einen Anstieg von ~9% auf ~18%. Bei den Frauen gibt es nur einen sehr kleinen Anstieg. Interessanterweise hat sich die Anzahl der Männer mit den meisten Sexualpartnerinnen nicht verändert. Aber da darin alle mit drei oder mehr zusammengefasst sind, kann nichts darüber ausgesagt werden, ob sich die absolute Zahl der Sexualpartnerinnen der sexuell aktivsten promisken Männer erhöht hat, was aber im Rückschluss von den anderen Zahlen wahrscheinlich ist.

In einer separaten Analyse mehrerer Datensätze kommt Lyman Stone vom Institut für Family Research zum selben Ergebnis: „…the very broad outcome of higher sexlessness today than a decade ago is indisputable.“ Stone stellt die These auf, dass dies hauptsächlich an einem Rückgang oder einer Verzögerung von Eheschließungen liege. Dieser Rückgang ist statistisch nachgewiesen und bildet hier Prämisse 1. Für Stones Schluss braucht es aber noch eine andere Prämisse, welche ist, dass unverheiratete Leute generell weniger Sex haben, wie er schreibt. Hierbei scheint es sich jedoch um einen deplatzierten Vergleich zu handeln, denn natürlich ist es so, dass Verheiratete verglichen mit den Unverheirateten mehr Sex haben, aber eben weil die Menge der Unverheirateten aus Menschen mit festen Partnern und Singles besteht. Die Singles ziehen die Zahlen dieser Gruppe nach unten. Dass Singles generell weniger Sex haben als Menschen mit festen Partnern, dürfte vom common sense nicht in Frage gestellt sein. Was Stone also eigentlich hätte vergleichen müssen, ist der Sex von Verheirateten und Unverheirateten mit festen Partnern. Um zu schließen, dass der Rückgang von Eheschließungen für mehr Sexlosigkeit sorgt, müsste man zeigen, dass Verheiratete mehr Sex haben als Unverheiratete mit festem Partner, was unplausibel erscheint. Alternativ könnte man zeigen, dass die gesamte Zahl der jungen Menschen mit festem Partner (ob verheiratet oder nicht) heute niedriger liegt als früher. Das halte ich für plausibel. Dann ist es aber die Unfähigkeit junger Männer eine feste Partnerin zu finden und/oder der Rückgang von Monogamie in der Gesellschaft, welche für die erhöhte Sexlosigkeit sorgt. Dass die Sexlosigkeit von jungen Frauen nicht in einem vergleichbaren Maße zu dem der jungen Männer angestiegen ist, lässt sich wiederum z.T. durch deren alterstechnische Orientierung nach oben erklären. Da aber die Zahlen der Sexlosigkeit der Frauen in den höheren Altersgruppen nie jene der Männer übersteigen (was passieren müsste, wenn ältere Männer in hohem Maße von jungen Frauen belegt werden und man die Altersgruppenverschiebung der Partner als einzigen Faktor nimmt), muss ein Anstieg der Zahlen von Sex außerhalb von festen Beziehungen Teil der Erklärung sein. Gemäß der Anteile der Sexhabenden vollzieht sich dieser dann unter wenigen Männern und einer größeren Anzahl Frauen. Männer im Allgemeinen sind also die Verlierer der sexuellen Revolution, während einige wenige Männer davon profitiert haben. (Hierbei komme ich zu einem anderen Ergebnis als Stone. Falls ich in der Argumentation etwas übersehen haben sollte, möge mich der findige Leser darauf hinweisen.)

Eine Studie (Lyons et al. 2014) zur Promiskuität berichtet, dass unter den 18-24-Jährigen 54% schon einmal Sex außerhalb von geschlossenen Paarbeziehungen hatten und bei 39% fand dies innerhalb der letzten zwei Jahre statt. Betrachtet man nur die sexuell aktiven Menschen, sind es 67% davon, die Sex außerhalb von Beziehungen haben. Laut einer finnischen Studie waren 1971 knapp über 20% der junge Frauen bereit in einem Verhältnis ohne Liebe Sex zu haben, während die Zahl bis 2015 auf 80% angewachsen ist. Eine Veränderung des Sexualethos mit wahnsinniger Geschwindigkeit!

Zuletzt ist noch zu sagen, dass es die sozialen Normen wahrscheinlich machen, dass bei Befragungen über Sex und Anzahl der Partner vonseiten der Frauen zu geringe Angaben gemacht werden und vonseiten der Männer zu hohe, wie vom Psychologen Tom Smith behauptet wird. Die wahrheitsgemäßen Zahlen der Frauen wären also etwas nach oben zu korrigieren und jene der Männer nach unten. Wenn wir hier nach Incels fragen, kommt uns dieser Umstand im Falle der Männer jedoch gelegen, da sich die zu niedrig angegebenen Zahlen bezüglich sexloser Männer womöglich mit dem Anteil der freiwillig auf Sex Verzichtenden (die also keine Incels sind) ausgleichen.

Zusammenfassung: Im Folgenden handelt es sich um meine grobe Schätzung auf Grundlage aller hier präsentierten Studien zusammengenommen, darüber, wie es heute um junge volljährige Männer unter 30 Jahren bestellt ist: ~28% leben jahrelang ohne Sex (von diesen haben wiederum vielleicht um die 18% null sexuelle Erfahrung), ~35% leben in monogamen Beziehungen, ~15% leben promisk und haben viel Sex, die übrigen 22% haben sporadisch Sex. Wechsel wird es vermutlich am meisten zwischen der Gruppe der sporadisch Sexhabenden und den Paargebundenen geben.

Damit haben wir den etwas trockenen, drögen Anteil des Artikels absolviert. Fast – denn der nächste Abschnitt wird auch noch etwas empirische Forschung heranziehen müssen, sich aber doch lebensnäher gestalten, versprochen!

b) Dating

In einem Artikel des Onlineangebotes der „Maxim“ wundert sich eine Autorin über die ansteigende Sexlosigkeit „…despite the sheer number of dating apps that make it ridiculously easy to find someone to sleep with.“ Es sei also lächerlich einfach durch Dating-Apps wie Tinder an Sex zu kommen. Das stammt aus der Feder von Zeynep Yenisey, einer Frau. Diese Bemerkung ist für das Folgende von Relevanz.

Mittlerweile dürften wir von Tinder-Experimenten, in denen sich Männer ein weibliches Profil erstellen und von einer Flut an Matches und Nachrichten förmlich erschlagen werden, schon zur Genüge gehört haben. Ich möchte daher hier ein anderes Experiment vorstellen, nämlich den umgekehrten Fall. In diesem sehenswerten Video probiert eine junge Frau aus, wie es ist als Mann auf Tinder unterwegs zu sein. Sie wird mit Bildern ihres männlichen Bekannten versorgt und macht sich zur Aufgabe, innerhalb einer Woche in seiner Rolle mit Frauen Dates zu vereinbaren. Hören wir ein paar Auszüge davon, wie sich Ihre Erfahrung gestaltet:

So this is day five and at this point I’m not motivated, I am not happy with the results. On day three I got 13 matches, yesterday I got one and today I got one. … What amazed me wasn’t this decrease of matches, it was actually the replying. I mean how can I get these women to go on a date with me if they don’t even reply to me? I was so confused, I mean if we match why aren’t we talking? … It is weird that I struggle so much and that if I change the picture to a woman, I don’t struggle at all. … I don’t know if people get depressed after being on a dating app, but I don’t know, I just feel like down. … This is not very healthy, is it? … I don’t want to do this again.“

(Übersetzung: Dies ist der fünfte Tag und an diesem Punkt bin ich nicht mehr motiviert, ich bin nicht glücklich mit mit den Ergebnissen. An Tag drei bekam ich 13 Matches, gestern bekam ich eins und heute bekam ich eins. … Was mich verblüffte war nicht der Rückgang an Matches, es war tatsächlich das Zurückschreiben. Ich meine, wie soll ich diese Frauen dazu bewegen, mit mir auf ein Date zu gehen, wenn sie mir nicht einmal antworten? Ich war so verwirrt, ich meine, wenn wir uns gegenseitig auswählen, warum unterhalten wir uns dann nicht? … Es ist bizarr, dass ich mich so sehr abmühe und dass, wenn ich das Bild zu einem weiblichen ändere, ich mich überhaupt nicht schwertue. … Ich weiß nicht ob Leute deprimiert sind nachdem sie eine Dating App benutzt haben, aber ich weiß auch nicht, ich fühle mich einfach niedergeschlagen. … Das ist nicht sehr gesund, nicht wahr? … Ich will das nicht noch einmal tun.)

Wie sie sagt, war ihre Erfahrung das komplette Gegenteil ihrer Erwartungen an die Sache. Nach ihrem Einblick tut sie kund: „I just feel like Tinder is just unfair as hell. This is all very weird reality. … I just feel sorry for guys, I don’t think this is good for anyone really.“ Das Experiment veranschaulicht, wie nichtsahnend viele Frauen bezüglich der männlichen Erfahrungswelt dieser Dinge sind. Und es ist zu berücksichtigen, dass es sich bei ihren verwendeten Bildern um jene eines durchschnittlich bis leicht überdurchschnittlich attraktiven Mannes handelt. Gegen Ende des Videos sehen wir noch, auf welche Art sie meist versuchte Frauen anzuschreiben – nämlich mit Phrasen wie „Hey, wie gehts?“, worüber jeder Mann, der schon einmal Onlinedating betrieben hat, wahlweise schmunzeln oder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen müssen wird. Allein dass sie meint, dass es nicht mehr bedürfe, zeigt in was für vollkommen voneinander abgekoppelten Realitäten Frauen und Männer leben und wie sehr sich die zu bewältigenden Anforderungen anscheinend unterscheiden.

Aber auch mit kreativeren Nachrichten wird die Sache nicht wesentlich besser aussehen. Das Feld ist schon recht gut erforscht. Eine neue Studie (Neyt et al. 2019) stellt fest, dass Männer auf Tinder 61.9% der weiblichen Profile liken (d.h. zum potentiellen Nachrichtenwechsel freischalten), während Frauen nur 4.5% der männlichen Profile liken. Hier wurde sich die Mühe gemacht, Zahlen von Tinder ausführlich statistisch-wissenschaftlich aufzubereiten. In Kürze: Auf Tinder bemühen sich die hinsichtlich der Attraktivität unteren 80% der Männer um die unteren 22% der Frauen, während die oberen 78% der Frauen sich um die oberen 20% der Männer bemühen. Ein durchschnittlich attraktiver Mann wird von ungefähr 0,87% (1 von 115) der Frauen geliked. Betrachtet man Tinder als Ökonomie, herrscht darin mehr Ungleichheit als in beinahe allen nationalen Volkswirtschaften der Welt.

Was wir bis jetzt also mindesten verstanden haben sollten, ist milde ausgedrückt: Dating-Apps wie Tinder lohnen sich nicht für durchschnittlich attraktive Männer. Aber warum ist das so? Weswegen verhalten sich Frauen und Männer auf diesen Plattformen so ungleich? Warum geben Frauen äußerlich durchschnittlich attraktiven Männern kaum eine Chance? Die Antwort ist: weil sie (zumindest online) durchschnittlich attraktive Männer nicht als durchschnittlich attraktive Männer wahrnehmen, sondern als unattraktiv.

Zahlen der Online-Dating Plattform OK-Cupid zur Bewertung der äußerlichen Attraktivität der Frauen und Männer gegenseitig ergeben folgendes Bild:

In der Wahrnehmung der Frauen scheinen also 12% der Männer durchschnittlich attraktiv, während 81% unterdurchschnittlich und nur 7% überdurchschnittlich bewertet werden! Männer bewerten Frauen hingegen normalverteilt, die Grafik ergibt eine Gaußkurve, d.h. eine durchschnittliche Frau gilt auch als durchschnittlich attraktiv. Der Befund passt perfekt, um das Geschehen auf Tinder zu erklären.

Okay, vergessen wir einfach Online-Dating, mag man sich an dieser Stelle vielleicht denken. Auf Plattformen wie Tinder und OK-Cupid zählt nur äußerliche Attraktivität und auch wenn Frauen dort womöglich unrealistische Standards haben, kommt es im echten Leben doch auf viel mehr an. Schließlich ist Frauen dafür doch auch das Aussehen gar nicht so wichtig wie Männern. Frauen legen auf andere Dinge viel mehr wert – mag man vielleicht argumentieren. Ist das haltbar?

Nun, leider nicht so ganz, wie im Folgenden gezeigt:

Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen von Studien, um zu bestimmen, welche Faktoren und Merkmale für die Geschlechter bei potentiellen Sexualpartnern relevant sind. Diese Studie (Olderbak et al. 2017) zieht dafür ein experimentelles Setting heran, in dem Partizipanten Videos von Personen des je anderen Geschlechts vorgespielt bekamen, in denen diese über sich erzählen. Daraufhin bewerteten die Partizipanten die Eigenschaften der Personen im Video und ihr romantisches Interesse an diesen. Die Partizipanten wurden auch zur Selbstwahrnehmung ihrer eigenen Eigenschaften befragt. Die Ergebnisse bieten keine Grundlage für das populäre Narrativ, dass es ‚für jeden Topf einen Deckel‘ gäbe, weder in der Version „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ noch als „Gegensätze ziehen sich an“. Das einzig signifikante Kriterium zur Vorhersage des romantischen Interesses, im gleichen Maße sowohl für Männer als auch für Frauen, war physische Attraktivität – besonders dann, wenn diese höher als die eigene bewertet wurde. Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen konnte nicht festgestellt werden.

Eine Studie (Gil-Burmann et al. 2002), in der Stellenanzeigen zur Partnersuche einer Zeitung analysiert wurden, kam zum Ergebnis, dass zumindest Frauen über 40 Jahren der sozioökonomische Status der Männer wichtiger war, während jedoch auch hier bei Männern und Frauen unter 40 Jahren äußerliche Attraktivität das meistgesuchte Merkmal ausmachte.

Die beste Möglichkeit das Themenfeld zu erforschen bietet meiner Ansicht nach allerdings Speed-Dating. Hier kann Verhalten beobachtet und ausgewertet werden, das aus direkten Interaktionen resultiert und reale Konsequenzen hat. Die Auswahl der Teilnehmer von anderen für einen Folgekontakt zusammen mit personenbezogenen Daten und Daten aus schriftlichen Befragungen gibt Aufschluss darüber, was für die Begehrtheit beim anderen Geschlecht entscheidend ist. Eine Speed-Dating-Studie (Kurzban/Weeden 2004), in der eine große Menge an Daten analysiert wurde, betrachtete die Faktoren Alter, Körpergröße, BMI, Attraktivität des Körpers, Attraktivität des Gesichts, Attraktivität der Persönlichkeit, Ethnie, vorherige Ehe, Anzahl der Kinder, Kinderwunsch, Bildung, Einkommen, Religion, Trinkverhalten, Rauchverhalten und Einstellung zum Sex. Die primären Faktoren zur Vorhersage einer hohen Begehrtheit eines Mannes waren hohe Attraktivität des Gesichts, hohe Attraktivität des Körpers, hohe Körpergröße, junges Alter, ein mittlerer BMI und relativ die Ähnlichkeit der Ethnie der interagierenden Frauen. Die einzigen nicht-physischen Attribute, welche individuell Einfluss hatten, waren hoher Kinderwunsch und eine attraktive Persönlichkeit, wobei diese allerdings für keine bedeutende Varianz mehr sorgten, sobald die erstgenannten Faktoren einberechnet wurden. Alle anderen Faktoren sorgten für weniger als 1% der Varianz in der Vorhersage.

Die Studie bildet in geringerem Maße auch die unterschiedliche Anzahl an Optionen bzw. die Wählerischkeit der Geschlechter ab, welche Tinder zeigt. Im Durchschnitt wurden Männer von 34% der Frauen für Folgekontakte ausgewählt und Frauen von 49% der Männer. Eine andere Speed-Dating-Studie (Belot/Franesconi 2013) zeigt die Zahlen, dass im Durchschnitt nur in 20% der Fälle die ausgewählten Frauen die auswählenden Männer ebenso auswählten, während die Auswahl der Frauen in 45% der Fälle Bestätigung fand (im Durchschnitt wählten Frauen 2,6 Männer aus, Männer wählten hingegen 5 Frauen aus). Jeder dritte Mann wurde von gar keiner Frau ausgewählt, während umkehrt das nur jeder zehnten Frau passierte.

Wir haben nun also festgestellt, dass in allen von der Psychologie untersuchbaren Settings die äußerliche Attraktivität die größte Rolle für das romantische Interesse beim Kennenlernen spielt, und zwar in gleichem Maße für Männer und Frauen. Es gibt allerdings noch einen entscheidenden Geschlechterunterschied: Frauen unterschätzen stark, welchen Wert sie tatsächlich auf äußerliche Attraktivität legen (oder lügen in Befragungen häufiger). Dies fand eine dritte Studie zum Speed-Dating heraus (Hwang/Cadalzo 2016). Daten einer Befragung (vor einem Speed-Dating Event) zur Selbsteinschätzung, was einem wichtig sei, wurden mit den Daten der Beurteilungen der Teilnehmer und der Bereitschaft zum Folgekontakt danach verglichen. Wie zudem gezeigt wurde, schätzen Frauen die Sachlage interessanterweise richtig ein, wenn man sie dazu befragt, auf was andere Frauen Wert legen, bloß meint jede selbst anders zu sein. Damit muss jede Studie, welche sich allein auf Befragungen zu diesen Themen beruft in arge Zweifel gezogen werden. Auch in betrachteter Studie war wieder Attraktivität für Frauen und Männer der wichtigste Faktor. Immerhin ergaben sich hier zudem als relevante Faktoren, wie spaßig eine Person ist und gemeinsame Interessen.

Diskussion: In Rückbezug auf den Anfang des Unterabschnitts kann nun gesagt werden: ja wahrscheinlich ist es lächerlich einfach durch Dating-Apps an Sex zu kommen, wie Zeynep Yenisey meint – aber eben nur für Frauen. Das massive Ungleichgewicht in den Optionen der Geschlechter beim Online-Dating scheint allerdings auch seinen Ursprung nicht in diesem Medium zu haben. Letzteres kehrt die vorhandenen Verhältnisse bloß ins Extreme, wie der Vergleich mit den Speed-Dating Studien zeigt. Daher ist es naheliegend zu schließen, dass die heutige Sexlosigkeit bei jungen Frauen wahrscheinlich zum Großteil eine freiwillige ist oder nur kein Sexualpartner gefunden werden kann, der den hohen Standards genügt, während es vielen Männern tatsächlich nicht möglich ist, überhaupt irgendeine Partnerin zu finden. Sicherlich bleibt einzuwenden, dass Speed-Dating immer noch eine künstliche Situation darstellt, aber man kann erwarten, dass die dort wirkenden Dynamiken und Faktoren eine ähnliche Rolle in ‚freier Wildbahn‘ spielen werden. Müsste ich schätzen, würde ich sagen, dass beim Kennenlernen in Freundeskreisen anderen Faktoren neben äußerlicher Attraktivität noch die relativ größte Bedeutung zukommen kann, verglichen mit allen anderen Dating-Situationen. Dabei gibt es allerdings ein großes Problem: Die Partnerfindung durch Freundeskreise ist im Rücklauf begriffen, während die Partnerfindung durch Online-Dating stark auf dem Vormarsch ist. 1995 lag die Partnerfindung durch Freunde noch bei 33% und fiel bis 2017 auf 20%; Tendenz weiter fallend. Die Partnerfindung durch Online-Dating startete 1995 mit 2%, erreichte 2005-2009 ein Plateau von 22% und lag 2017 schon bei ganzen 39%, wie folgende Grafik einer Studie (Rosenfeld 2019) zeigt:

Während man also selbst natürlich Online-Dating meiden kann, ’schläft der Markt nicht‘. Bei denjenigen potentiellen Partnern aus dem Freundeskreis, die Dating-Apps verwenden, kommt aus diesem Medium Konkurrenz hinzu. Oder plakativer ausgedrückt: Die Wahrscheinlichkeit für einen Mann, eine Partnerin im Freundeskreis zu finden, ist geringer, wenn Frauen jederzeit eine Fülle von Optionen durch einen Wisch auf dem Smartphone griffbereit haben.

Zusammenfassung: In der Kombination aus dem Rückgang der Monogamie bzw. dem vermehrten Vorkommen von Sex außerhalb von festen Beziehungen und der Entwicklung der heutigen Dating-Situation, die durch ein Anwachsen von Online-Dating geprägt ist, was den Fokus und die Wichtigkeit äußerlicher Attraktivität verstärkt, wobei die große Mehrheit der Männer von Frauen als unterdurchschnittlich wahrgenommen wird, haben wir eine exzellente Erklärung – wenn auch vielleicht nicht unbedingt eine vollständige – für den Anstieg der Sexlosigkeit junger Männer!

Nachdem wir nun einen Überblick über die Ausmaße und Rahmenbedingungen des Incel-Phänomens und auch einen Einblick in die männliche Seite des Empfindens der Dating-Situation gewonnen haben, wird es Zeit zu fragen, wie es zur Radikalisierung und der Blackpill-Subkultur kommt.

Schlechte Erklärungen, Misskonzeptionen und Befeuerung der Radikalisierung

Zunächst sind schlechte Erklärungen in den Blick zu nehmen, von welchen einige recht populär sind. Fangen wir mit einer Kuriosität an. Es wird nämlich behauptet, dass die Radikalisierung ihre Ursprünge in Serien wie „Friends“ und „The Big Bang Theory“ habe. Ja, richtig gelesen, eine Comedysendung mit einem asexuellen Klugscheißer-Nerd als Hauptfigur soll junge Männer radikalisieren. Es werde angeblich eine schlechte Art von Männlichkeit gezeigt und zu viel Hartnäckigkeit bei den romantischen Avancen der männlichen Protagonisten, die von Erfolg gekrönt ist. Abgesehen von der Albernheit solcher Aussagen bezogen auf den Protagonisten Sheldon Cooper, fragt sich auch, was das mit radikalen Incels zu tun haben soll, die in ihrem defätistischen Weltbild all ihre Avancen und Aussichten auf Erfolg meist schon aufgegeben haben.

Aber es kommt noch dicker: Die Behauptung stammt nämlich von einer angeblichen Expertin zum Thema, der Autorin des bislang wohl einzigen medial beworbenen deutschen Buches über Incels, Veronika Kracher. Wie in der radikalfeministischen Ecke üblich, wird einmal wieder (wie eigentlich immer, wenn etwas für schlecht befunden wird) ein ‚patriarchales System‘ als Wurzel des Problems ausgemacht. Kracher nennt die Incel-Szene „die Spitze des patriarchalen Eisbergs.“ Was wir von dem Buch erwarten können, lässt sich anhand eines Zitates ihres Interviews auf den Punkt bringen. Der Kontext ist hier, dass Kracher auch bei Incels, die Frauen nicht hassen, antifeministische Äußerungen bemerkt:

„Man muss auch sagen, dass Antifeminismus immer auch eine antisemitische Verschwörungsideologie ist, da ja davon ausgegangen wird, dass der immer jüdisch konnotierte „kulturelle Marxismus“ quasi die Schuld am Feminismus, an der Frauenemanzipation und der Moderne generell trägt.“

Wie wenig wissenschaftliche Redlichkeit hier geachtet wird, zeigt schon simpelste Quantorenlogik. Die Allaussage wird nämlich schon dadurch hinfällig, da es auch Antifeministen gibt, welche die Vokabel „kultureller Marxismus“ gar nicht kennen oder benutzen. Es braucht sie schließlich nicht, um Argumente für die Schädlichkeit des Feminismus oder vieler Positionen sich so nennender Feministen zu formulieren. Darüber hinaus wird es auch eine Menge geben, welche unter dem kulturellen Marxismus ganz etwas anderes versteht als Frau Kracher. Ja mehr noch erschließt es sich mir prima facie überhaupt nicht, warum dies „jüdisch konnotiert“ sein sollte. Eine Erklärung liefert sie im Interview nicht, weswegen wohl auch beabsichtigt der maximal unkonkrete Zusammenhang der Konnotation gewählt wurde. Das Ziel dieser Aussage ist offensichtlich eine ebenso perfide wie plumpe Immunisierungsstrategie der eigenen Position gegen Kritik nach dem Schema: Wer Anti-meiner-Meinung ist, der ist auch Antisemit. Es wird versucht, die in der öffentlichen Wahrnehmung als legitim betrachtete Position des Antifeminismus mit der illegitimen des Antisemitismus zu brandmarken.

Auch die Recherchearbeit der Autorin scheint leider doch nicht so der Kracher zu sein. In einem anderen Interview verbreitet sie folgendes Halbwissen, über das man sich eigentlich mit 5 Minuten Googelsuche eines Besseren belehren kann:

„Gerade ist ein Konzept, das sich «Mewing» nennt, gross im Trend. Dabei geht es darum, durch Kauübungen den Kiefer männlicher zu machen.“

Beim Mewing, d.i. im Prinzip myofunktionelle Selbsttherapie (welche übrigens allein der Gesundheit wegen schon jedermann zu empfehlen ist), handelt es sich nicht etwa um Kauübungen, sondern um die korrekte Ruheposition der Zunge. Aber kommen wir zum Thema zurück:

Neben Krachers krampfhaftem Versuch, Incels mit Rechtsextremen in Verbindung zu bringen, ist ihr permanent abschätziger Bezug nicht nur auf die radikalen Elemente der Incel-Subkultur, sondern auch auf deren Leiden auffällig. So spricht sie ironisch von den „armen“ Incels oder von Selbstmitleid und pathologischem Opferdenken. Reale Probleme in den Umständen der Incels werden nicht anerkannt, vielmehr sind die Incels selbst bloß ein Problem. All ihre eigenen Probleme basierten im Prinzip nur auf narzisstischen Kränkungen und seien illusionär oder selbstgemacht. Wie muss das wohl auf sexlose Männer wirken, die noch nicht radikalisiert sind?

Ein Hauptthema Krachers ist auch der Frauenhass. Die meisten Blackpill-Incels hassen Frauen. Die Bezeichnung als Frauenhasser, Misogynisten und dergleichen schiebt sich medial meist sogar noch vor die Erläuterung des Begriffes „Incel“. Und das ist natürlich nicht nur deskriptiv, sondern pejorativ zu verstehen. Allerdings sollte man dabei zumindest nicht Ursache und Wirkung vertauschen. Eine Autorin namens Emma A. Jane tut dies in ihrem Artikel explizit: Sie meint, Frauen nicht zu hassen, würde Incels zu mehr Erfolg verhelfen als Schönheitsoperationen. Ich möchte daher die Frage stellen, welches Narrativ wohl plausibler erscheint:

  • Entweder: Eine Gruppe von Männern wird von der Gesellschaft dazu indoktriniert Frauen zu hassen und hat deswegen im späteren Leben keinen Erfolg bei diesen.
  • Oder: Eine Gruppe von Männern erfährt durchgehend trotz aller Bemühung um Frauen immer wieder Frustration, wird irgendwann niedergeschlagen, bitter, ärgerlich und wütend, woraufhin sich diese Wut dann in Hass kehrt.

Sicherlich ist auch Letzteres nicht zu begrüßen, aber – gerade wenn es sich um einen Bereich handelt, der maßgeblichen Einfluss auf die eigene Lebensqualität hat – relativ menschlich und nachvollziehbar. Man kann auch Analogien solcher Reaktionen in anderen Bereichen bilden: Jemand, der jahrelang Bewerbungen schreibt, aber nie zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird und keinen Weg findet, daran etwas zu ändern, wird neben dem Schaden am Selbstbild auch irgendwann über alle Arbeitgeber oder das System des Arbeitsmarktes schimpfen; vor allem dann, wenn er bemerkt, dass es vielen anderen Menschen ähnlich ergeht.

Der Vorteil des ersten Narrativs ist natürlich, dass es uns eine moralische Welt präsentiert. Und es ist wohl die beste Möglichkeit, zu rechtfertigen von Leid wegzusehen bzw. nichts dagegen unternehmen zu wollen, wenn es sich um moralisch gerechtfertigtes Leid handelt, bzw. man es so aussehen lassen kann. Dabei sollte uns die Erfahrung eigentlich lehren, dass wir nicht in einer allgemein moralisch gerechten Welt leben und wahrscheinlich kennt auch so ziemlich jeder mindestens einen, dem Respekt vor Frauen alles andere als am Herzen liegt und der dennoch sehr wohl reichlich sexuellen Erfolg mit Frauen vorzuweisen hat.

Übrigens hat Frau Kracher – die selbst „Alle Männer sind krank. Alle“ zu einem „schönen Satz“ erklärt – generell kein Problem mit geschlechtsspezifischem Hass. Sie hält diesen nicht nur für nachvollziehbar, sondern sogar für gerechtfertigt, wenn sie schreibt, dass „Frauen aufgrund der permanenten Erfahrung patriarchaler Gewalt ja tatsächlich gute Gründe haben, Männer zu hassen.“ – was auch immer an dieser Stelle mit der nicht näher erläuterten ‚patriarchalen Gewalt‘ gemeint sein soll. Ja auch unser öffentlich-rechtlicher Rundfunk scheint mit geschlechtsspezifischem Hass kein Problem zu haben. Er macht ihn sogar salonfähig, denn vor kurzem noch bewarb er ein Buch mit dem Titel „Ich hasse Männer“ von Pauline Harmange und nannte unter Harmanges Gründen für ihr Misstrauen und ihr Unbehagen gegen Männer: „Die meisten Männer leben ihre Privilegien, ohne diese zu hinterfragen. Das sind unzählige kleine Dinge im Alltag, die zusammen schwer wiegen.“ Etwa genauso unhinterfragt, dass so eine Überraschung wie oben beim Tinder-Experiment herauskommt? Wer kann einem da noch die leise Vermutung verübeln, dass da mit zweierlei Maß gemessen werde?

Eine weitere schlechte Erklärung, welche im Zusammenhang mit Incels medial fast immer wiedergekäut wird und einen Nebenschauplatz in den Fokus rückt und zum Kern des Problems erklärt, ist folgende:

„Basis des Incel-Weltbildes ist die archaische Auffassung, dass Männer ein grundlegendes Recht auf Sex mit einer Frau haben, weshalb sie sich zu Versagern degradiert fühlen.“

An dieser Version von Autor Christian Urban, fällt zunächst das non sequitur auf. Denn warum sollte man sich gerade dann zum Versager degradiert fühlen, wenn man meint, ein grundlegendes Recht nicht gewährt zu bekommen? Als Versager wird man sich viel eher dann fühlen, wenn man etwas aus dem eigenen Aufgabenbereich nicht bewältigen kann, also selbst versagt – wie es im Wort schon enthalten ist.

Nun aber zur Sache: Es stimmt tatsächlich, dass einige Incels Sex als ein grundlegendes Menschenrecht betrachten oder ein solches fordern. Dabei ist allerdings dreierlei zu beachten: Erstens steht dies nicht im Fokus der Online-Foren. Man muss schon ein wenig suchen, um dort Aussagen dazu zu finden. Die Blackpill-Incels sind keine politische Bewegung. Zweitens gibt es meiner Recherche nach auch einen (ebenso unspezifischen) Teil der Incels, welche sich gegen diese Ansicht ausspricht. Es wird dann meist mit den nihilistisch-sozialdarwinistischen Anteilen des Weltbildes begründet, dass naturgemäß quasi niemand ein Recht auf irgendetwas habe. Drittens fußt die Begründung der Pro-Vertreter meist auf einem vermeintlichen allgemeinen Recht auf Bedürfnisbefriedigung und geistiger/körperlicher Gesundheit, etwa analog zur Versorgung mit Nahrungsmitteln. Das heißt, es wird hier kein spezifisch archaisch-männliches Vorrecht gegenüber der Frau beschworen, welche Darstellung wohl hauptsächlich feministischen Narrativen entwachsen sein dürfte. Nur zur Klarstellung: Dies ist an dieser Stelle keine Verteidigung eines solchen Rechts meinerseits, sondern eine korrigierende Aufklärung über die Warte, von der aus solche Forderungen gestellt werden.

Ein nah verwandtes Sujet, das oft herangezogen wird als Ursache der Radikalisierung, ist eine Weise der übersteigerten Anspruchshaltung – im Englischen hat man dafür das schöne Wort „Entitlement.“ Dabei schleichen sich ab und zu (z.B. hier und hier) auch Misskonzeptionen ein, wie etwa, dass radikale Incels einen Anspruch erhöben mit jeder Frau zu schlafen, mit welcher sie wollen oder wann immer sie es wollen. Das geht weit an der Realität vorbei. Incels geht es i.d.R. nur um irgendeine Intimität bzw. (wie sogar Kracher bezeugt) um eine solche mit ihrem ‚Looks-Match‘, d.h. mit einer Frau auf einer ähnlichen Attraktivitätsstufe wie sie selbst, welche laut Selbstaussagen meist recht niedrig liegt. Es kann also nur um den Vorwurf gehen, einen Anspruch darauf zu erheben, im Leben überhaupt Intimität zu erfahren. Darauf heißt es dann häufig: „women don’t owe you shit“ – Frauen schulden euch einen Scheißdreck.

Schauen wir uns einmal den Fall an, in dem Frauen beim Dating mit Problemen konfrontiert sind. Treena Orchard, eine Professorin an einer „School of Health Studies“ und selbsterklärte Feministin, berichtet über ihre Erfahrungen mit der Dating-App Bumble. Die App wirbt damit, feministisch zu sein und die Rolle der Frau besonders zu bestärken. Sie hat die Besonderheit, dass dort Frauen die erste Nachricht senden müssen, damit ein Kontakt zustande kommen kann. Oder in Orchards Worten:

„Just as female worker bees do the heavy lifting as they care for larvae and their hexagon lair, Bumble women perform the initial dating labour by extending invitation after invitation to potential matches. Bumble men, much like male bees, largely sit and wait for their invites to come.“

D.h. es verhält sich genau umgekehrt wie normalerweise (in allen Dating-Situationen). Orchard erhielt in ihrer persönlichen Bilanz auf 60% ihrer Erstnachrichten eine Antwort. Sie klagt darüber:

“Will he respond? Will this one like me? Putting myself out there repeatedly made me feel vulnerable, not empowered.”

Sie fühlte sich also verletzlich und nicht ermächtigt. Was macht sie nun daraus? Sie stellt die aus der Luft gegriffene Behauptung auf, dass Männer es nicht als komfortabel empfänden nicht den ersten Schritt zu machen und sich ihrer „rightful dating power“ beraubt sähen. Wenn dem so wäre, warum melden sich Männer dann ausgerechent bei der einzigen Dating-App an, welche so konzipiert ist? Sollte das Empfinden der Geschlechter gar so unterschiedlich sein, dass es nicht auch für Männer vielmehr eine Befreiung aus der verletzlichen Rolle ist? Aber weil es Orchard nicht gefällt, schlägt sie vor, dieses Alleinstellungsmerkmal der App zu tilgen. Zudem behauptet sie noch, dass eine feministische Dating-App in einer „patriarchalen Welt“ nicht funktionieren könne. Kurz gesagt: In Reaktion auf ihre persönliche Enttäuschung, macht Orchard das andere Geschlecht, sowie das gesellschaftliche System verantwortlich, d.i. exakt dasselbe Muster wie bei Blackpill-Incels.

Aber vielleicht haben (Orchards Anekdoten einmal ausgeklammert) Bedenken dieser Richtung doch ihre Berechtigung? Wie „The Guardian“ berichtet, sind Frauen mittlerweile weitaus häufiger an Universitäten vertreten als Männer, was für Frauen zum Problem werde, da diese sich in der (ehelichen) Partnerwahl bildungstechnisch nur auf ihrer Ebene oder nach oben orientieren. (Nur 43.0% der Frauen kann sich vorstellen, jemanden mit einem niedrigeren Bildungsgrad zu heiraten; bei Männern sind es 87.4%). Jon Birger, Autor eines Buches über die Ökonomie des Partnermarktes, sagt im Interview mit „The Guardian“:

„‚It creates a statistical challenge, because they are voluntarily limiting themselves to a dating pool that has four women for every three men, but it also gives way too much leverage to those college-educated men, and I think it encourages those men to be overly choosy and to delay settling down.‘ This kind of classism ‚doesn’t penalise the men because the supply of educated women is so large.’”

Hier wird also als Problem herausgestellt, dass die Gruppe der Akademiker-Männer einen viel zu großen Hebel gegenüber den Frauen habe, die sich auf solche Männer beschränken, und dadurch ermuntert werde, übermäßig wählerisch zu sein und nicht zu heiraten – ja die Umstände bestrafen solches Verhalten der Männer auch nicht, weil ihre Auswahl so groß sei.

Wie wollen wir diese Überlegungen einordnen? Sind sie misandrisch? Meint man, Frauen hätten ein Recht auf einen Akademiker als Ehepartner? Redet man gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Männern, wenn sie doch besser bestraft werden sollten für übermäßige Wählerischkeit und Ausnutzen ihrer Optionen? Oder sorgt man sich einfach nur um das Gleichgewicht des Partnermarktes, auf dass alle Beteiligten halbwegs zufrieden sein können?

Und wenn Letzteres: Wie könnte man es dann noch rechtfertigen, Männer dafür „entitled“ zu nennen, dass sie sich exakt über solche Dinge in anderen Abschnitten des Partnermarktes beschweren, in denen Frauen die große Übermacht haben? Ja mehr noch, haben Incels nicht die Möglichkeit einfach ihre Standards zu senken, um doch noch einen Partner zu finden, wie betreffende Frauen. Sie befinden sich daher in einer weitaus schlechteren Lage.

Gar noch weitaus schärfere Töne schlägt eine Autorin in der „New York Post“ an mit dem Titel: „Broke men are hurting american women’s marriage prospects“ (Männer ohne Geld schädigen die Hochzeits-Aussichten amerikanischer Frauen). Es gäbe eine Knappheit an heiratbaren Männern (d.h. solche mit stabilem Job und gutem Einkommen – denn wiederum, nur 37.9% der Frauen kann sich vorstellen, jemanden zu heiraten, der viel weniger Einkommen als sie selbst hat; 91% bei Männern). Nicht nur wird der Anspruch der Frauen auf einen Ehepartner vorausgesetzt, Männer werden auch noch an den Pranger gestellt nach dem Motto: Seid gefälligst finanziell gut genug für uns. Ein Schelm, wer hierauf verlockt wäre zu antworten: Männer schulden euch einen Scheißdreck.

(Und natürlich – so etwas kommt dabei heraus, wenn jahrzehntelang ausschließlich Frauenförderung betrieben wird, mit Frauenstipendien, Frauenquoten etc., während Männer auf dem Arbeitsmarkt ihrem Schicksal überlassen werden.)

Diskussion und Zusammenfassung: Wie dieser Durchgang gezeigt hat, ist sexual- oder partnerbezogenes Anspruchsdenken kein Alleinstellungsmerkmal der Incels. Ja, auch bei Frauen kommt bei persönlichen Sorgen oder Misserfolgen eine solche Haltung zum Vorschein. Sofern das kulturelle Faktoren einschließt, macht es das sehr wahrscheinlich, dass es sich aus einer Quelle konstituiert, die uns in der Ersten Welt allen gemein ist, d.i. der Egalitarismus und das Prinzip von Sozialstaaten: Von klein auf bekommt man nämlich beigebracht, dass in diesem System jeder bei allem eine faire Chance und bei Problemen Unterstützung erhalten sollte und entsprechend sind auch die Erwartungen an das Mindestmaß der eigenen Lebensqualität. Bei Incels folgt dann das böse Erwachen, dass der Partnermarkt alles andere als egalitär ist.

Derweil wird die Radikalisierung befeuert durch kaltschnäuzige und allzu eindimensionale mediale Behandlung des Themas. Ein Teil dessen, was Feministen „toxische Männlichkeit“ (toxic masculinity) nennen, wird ausgerechnet von ihnen selbst gefördert und zementiert, was die Sache zum Double-Bind macht. Denn einerseits wird gefordert, dass Männer nicht darin limitiert sein sollen, welche Gefühlen sie zeigen dürfen und welche nicht, bzw. werden Männern solche Haltungen sogar zum Vorwurf gemacht. Andererseits werden die Gefühle von Männern, wenn sie sie dann zeigen, pathologisiert, ihre Unsicherheiten, Ängste, Frustration, Niedergeschlagenheit und Traurigkeit nicht ernst genommen, lächerlich gemacht, geshamed oder zum „Narzissmus“ und „Selbstmitleid“ abgewertet. Frauen wie Treena Orchard sprechen Männern die Anstrengungen und die Verletzlichkeit, welche sie beim Dating schon immer auf sich genommen haben, ab oder zeigen sich ignorant dagegen und projizieren stattdessen ihr eigenes toxisches Bild von stolzer, rabiater und machthungriger Männlichkeit auf die Realität, unabhängig davon, was sich darin tatsächlich vorfindet. Die gesellschaftliche Voraussetzung der nötigen Empathie gegenüber Männern ist gar nicht gegeben, um die durchaus zu Recht kritisierten Rollenvorstellungen abzubauen. („Toxische Rollenvorstellungen“ ist übrigens der weitaus bessere Terminus, da „toxische Männlichkeit“ missverständlich ist und die Konnotation einer generellen Schädlichkeit und daher Abwertung des Männlichen bei sich führt.)

In feministischen Kreisen herrscht die Vorstellung vor, dass man Männern einfach nur mehr Respekt vor Frauen einimpfen und sie dazu erziehen, ja dressieren müsste, zu internalisieren, dass sie eben keinen Anspruch auf Sex haben und damit wäre das Incel-Problem gelöst. Hier sind Neuigkeiten: 68.8% der Männer geben an, dass Geschlechtsverkehr essentiell für sie ist, um sich gut und selbstzufrieden zu fühlen (Bajos et al. 2010). Essentiell – das heißt unbedingt notwendig. Der Wert ist im Übrigen bis 2006 gestiegen, 1970 lag er noch bei 55%. Wäre das feministische Narrativ haltbar, würde das heißen, dass die Gesellschaft bis 2006 noch patriarchaler geworden sei. Und dann bleibt auch noch die Erklärungslücke dafür, dass der Wert auch bei Frauen gestiegen ist (von 48 auf 59.5%). Eine plausible Erklärung für die steigende Wichtigkeit von Sex fürs Wohlbefinden ist die größere sexuelle Freizügigkeit der Gesellschaft. Man ist quasi überall (medial und im öffentlichen Leben) mit Reizen und dem Thema Sex konfrontiert. Gerade wenn er so omnipräsent ist, entsteht ein größerer gesellschaftlicher Rechtfertigungsdruck dafür, warum man ihn nicht hat. Es droht das Stigma als „einsamer Versager“ oder dergleichen in der öffentlichen Wahrnehmung (vgl. Sprenger 2014, 47), auch von weiblicher Seite. Hinzu kommt der zunehmende Verfall anderer – insbesondere sinngebender – Güter im Verhältnis zu hedonistischen. Letztendlich ist Sexualität natürlich auch ein allgemeinmenschliches Bedürfnis, das sich nicht auf kulturelle Umstände herunterbrechen lässt. In Masolows Bedürfnispyramide rangiert es zwiefach auf der ersten Stufe bei den physiologischen Bedürfnissen und auf der vierten bei den sozialen Bedürfnissen. Viele Incels empfinden es in erster Linie als Bürde, von der sie sich Befreiung wünschen, weswegen manche sogar mit Medikamenten experimentieren, um absichtlich ihre Libido zu schwächen, wie sich den Foren entnehmen lässt.

Die Verschiebung des Diskurspunktes von Bedürfnissen auf Ansprüche hat gerade den Zweck, Erstere unter den Tisch fallen lassen zu können, wenn man nur einen Anspruch zum Kern des Problems hochstilisieren und als illegitim abweisen und vorwerfen kann. Feministen interessiert das Wohl der Allgemeinheit in diesem Falle offenbar nicht (anders beim Heiraten, da dort nun vorrangig Frauen mit Problemen konfrontiert sind). Sie sind so sehr mit der Angst vor möglicher Übergriffigkeit beschäftigt, dass ihnen das Thema des männlichen Bedürfnisses nach Sex bzw. die Verzweiflung daran nur einen Beißreflex abringen kann. Hinzu kommt gerade für Feministen der Stein des Anstoßes, dass Incels ein Opfernarrativ präsentieren, das in unversöhnbarer Konkurrenz zu ihrem eigenen steht. In einer ‚patriarchalen Welt‘ könne es so etwas ja gar nicht geben, dass Männer sich ohnmächtig und alles andere als privilegiert vorfinden. Was ich mich nur frage, ist, inwieweit die Reaktionen Mittel zu ideologischen Zwecken sind bzw. inwieweit man wirklich denkt, dass der Wegfall irgendeines Elements einer Anspruchshaltung einen wesentlichen Unterschied machen würde. Dies ist nämlich die immer wieder implizit kolportierte, aber nie durch irgendein Argument oder einem empirischen Befund unterlegte These. Und diese erscheint mir äußerst kontraintuitiv. Denn die permanente Frustration eines fürs Wohlbefinden essentiellen Bedürfnisses wird so oder so nicht ohne Folgen bleiben.

Darin sehe ich bis an diese Stelle die beste Erklärung für die Bitterkeit und den Hass. Aber diese Erkenntnis erscheint so fast zu trivial und oberflächlich. Es wurde zwar konstatiert, dass es ein solches Bedürfnis gibt, aber noch nicht verstanden, was es so wichtig macht, was beim Scheitern der Psyche so zusetzt. Außerdem scheint vom bloßen Frauenhass bis zu dem suizidalen und endzeitlichen Gefühlsleben der Blackpill-Incels noch eine Strecke zu liegen. Wir wollen daher die Sache im Folgenden ‚von innen‘ betrachten.

Im Gefühlsleben der Incels

Wenn wir den extremen Nihilismus der Incels verstehen wollen, müssen wir uns ein solches Empfinden in seiner Formierung anschauen. Um für eine gewisse Leserschaft ideologisch maximal unverdächtig zu sein, berufe ich mich (wie auch oben beim Tinder-Experiment schon) auf eine weibliche Perspektive (wobei dieses spezifische Erfordernis eigentlich einen traurigen Umstand ausmacht, aber ich handhabe es so für diejenigen, welche Vorbehalte oder eine Minderung der Empathiefähigkeit bei vergleichbaren männlichen Aussagen schon internalisiert haben und hier dadurch vielleicht etwas Neues wahrnehmen). Ich ziehe also im Folgenden zur näheren Darstellung die Aussagen einer bisexuellen Frau (Pseudonym Hayley Morrison) heran, welche über Incel-Erfahrungen aus erster Hand berichtet, durch die sie ein Blackpill-Weltbild ausbildete. Sie schreibt:

„My experiences have given me a unique perspective on the gender dimension of the culture wars being waged in the West right now. By telling my story, I am hoping that I can expose both sides to the other’s pain and open up a path for much-needed discussion and reconciliation.“

(Übersetzung: Meine Erfahrungen haben mir eine einzigartige Perspktive auf die Gender-Dimension der Kultur-Konflikte, welche gerade im Westen ausgetragen werden, gegeben. Durch die Erzählung meiner Geschichte hoffe ich, beiden Seiten den Schmerz der anderen näher zu bringen und einen Weg einer dringenden Diskussion und Versöhnung zu öffnen.)

Diese Maxime des lesenswerten Textes ist ausdrücklich zu unterstreichen. Die Geschichte der Leiden der Autorin beginnt mit der Erzählung über eine glückliche Kindheit bis zum Ende der Mittelschule mit 14 Jahren.

„I felt the change in the atmosphere from the moment I entered the building on the first day of grade 9. The social rules were different now; they were more sophisticated, more sexual, and the punishment for those unable to pick them up and play by them would be merciless and brutal.“

(Übersetzung: Ich fühlte einen Wandel in der Atmosphäre vom Moment an als ich am ersten Tag der 9. Klasse das Gebäude betrat. Die sozialen Regeln waren jetzt anders; sie waren anspruchsvoller, mehr sexuell und die Bestrafung für diejenigen, die unfähig waren sie aufzugreifen und nach ihnen zu spielen, würde gnadenlos und brutal sein.)

Nein, das hier ist nicht etwa ein Ausschnitt aus Elliot Rodgers autobiographischen Aufzeichnungen „My Twisted World“, obwohl es sich beinahe exakt so liest. (Das eben genannte Schriftstück des wohl bekanntesten Incels und Amokläufers bietet, nebenbei bemerkt, auch einen interessanten Einblick in das Ende der Fahnenstange der psychischen Verfassung des hier diskutierten Umfelds). Und tatsächlich bezeichnete die Autorin ihn, als sie später von ihm erfuhr als „Seelenverwandten“ und „Märtyrer der Unbeholfenen und der Autistischen, der Einsamen und der Unterdrückten“. Parallel läuft auch die weitere Erzählung aus ihrer Schulzeit, in der die Autorin von ihren Klassenkameradinnen gemobbt wurde. Letztere wollten ihr laut ihrer Aussage zeigen, dass sie sie für unterlegen hielten. Weil die Jungen, von denen sie nur als Kumpel gemocht wurde, romantische Intentionen für eben genannte Mädchen anstatt für sie hegten, baute sich ein Groll in der Autorin auf. Das Problem sah sie in…

„…socially powerful girls using their social power—and their sex appeal, in particular—to oppress both women and men they deemed unworthy, knowing damn well that the other girls were too timid, and the boys not socially permitted, to fight back. […] Still, in spite of my hatred for these so-called ‘sluts,’ I knew deep down that a significant part of my contempt came from a place of resentment and longing. There was a part of me that desperately wanted to be like them, to fit in, to be liked and lusted after.“

(Übersetzung: …sozial einflussreiche Mädchen nutzten ihre soziale Macht – und besonders ihre sexuelle Attraktivität – um sowohl Frauen als auch Männer zu unterdrücken, die sie für unwert befanden, ganz genau wissend, dass die anderen Mädchen zu zaghaft waren und es den Jungen sozial nicht erlaubt war zurückzuschlagen. […] Trotz meines Hasses auf diese sogenannten ‚Schlampen‘, wusste ich tief in mir drin, dass ein bedeutender Teil meiner Verachtung sich aus Groll und Sehnsucht speißte. Da war ein Teil von mir, der verzweifelt so sein wollte wie sie, dazuzugehören, gemocht und sexuell begehrt zu werden.)

In einem zeitlichen Vorausblick berichtet die Autorin darüber, dass bei ihr später Autismus diagnostiziert wurde, was zu ihrer sozialen Entfremdung sehr wahrscheinlich beitrug.

„At 14, however, I was left to reason that I had atrophied in my preteen years and that I was a fundamentally flawed and defective human being, incapable of attaining that mystical, mysterious thing that made girls so attractive to boys.“

(Übersetzung: Mit 14, allerdings, blieb mir nur darüber zu sinnieren, dass ich in meiner Vorjugendzeit verkümmert bin und dass ich ein grundlegend fehlerhaftes und kaputtes menschliches Wesen war, unfähig diese mystische, mysteriöse Sache zu erlangen, welche Mädchen so attraktiv für Jungen machte.)

Im Folgenden berichtet sie über ihre Probleme echte Freundschaften zu schließen und vom sich selbst perpetuierenden Teufelskreises des sozialen Rückzugs, der folgenden Vernachlässigung ihrer Körperpflege, der steigenden Depressivität, von Selbstmordgedanken und Gefühlen der Zerstörungswut – interessanterweise dem Muster folgend mit dem Motiv des Amoklaufs in Fantasien.

Bezüglicher ihrer Erfahrung, zum ersten Mal (unerwidert) in eine Frau verliebt zu sein, bemerkt sie Folgendes:

„Most women will never understand just how terrifying girls—especially pretty girls—are to men (or, in this case, gay women). To see a pretty girl is to see an angel, a paragon of beauty and virtue. You want to bow down before her, praise her, summon the very best of yourself and lay it at her feet in the hopes that she will deem you worthy and let you into heaven.“

(Übersetzung: Die meisten Frauen werden nie verstehen wie furchteinflößend Frauen – besonders hübsche Frauen – für Männer sind (oder, in diesem Fall, für lesbische Frauen). Eine hübsche Frau zu sehen, ist einen Engel zu sehen, ein Musterbeispiel für Schönheit und Tugend. Du willst dich vor ihr niederwerfen, sie anbeten, das Beste deiner selbst herbeirufen und es ihr zu Füßen legen in der Hoffnung, dass sie dich für würdig befindet und zum Himmel Eintritt gewährt.)

Diese Beschreibung deckt sich überraschend akkurat mit dem, was der psychoanalytisch orientierte Psychologe Jordan Peterson im Zuge einer Vorlesung sagt (Video):

„Thats something that I think modern women don’t really understand about men. […] They’re doing everything they can to kneel before the eternal image of the feminine and try to make themselves worthy. […] On one hand it’s promise, on the other hand it’s threat. […] I don’t know if women have any idea how paralising they are especially to young men. […] And the terror exists in precise proportion to the attraction to the woman, which is a horrible paradoxical situation to be in.“

(Übersetzung: Das ist etwas wovon ich denke, dass es moderne Frauen nicht wirklich verstehen bezüglich Männern. Sie tun alles, was sie können, um vor dem ewigen Bild des Weiblichen niederzuknien und versuchen sich würdig zu machen. Auf einer Seite Verheißung, auf der anderen Seite Bedrohung. Ich weiß nicht ob Frauen irgendeine Idee davon haben, wie lähmend sie besonders auf junge Männer wirken. Und der Schrecken existiert exakt proportional zu der Hingezogenheit zu der Frau, was einen in eine entsetzlich paradoxe Situation bringt.)

Aber worin besteht das Furchteinflößende, die Bedrohung von der Peterson und Hayley Morrison sprechen? Die knappe Antwort wäre: Rejection, Zurückweisung. Diese Antwort erscheint uns jedoch unbefriedigend. Wir fragen uns, was daran so schlimm sein soll. Das ist kein Beinbruch und am nächsten Tag wird man vielleicht schon gar nicht mehr daran denken. Und auch Männer in der Situation können sich ihre heftige Reaktion („Ansprechangst“) meist nicht rational erklären. Meiner Ansicht nach kann nur ein evolutionspsychologischer Blickwinkel für mehr Klarheit sorgen:

Peterson geht in verschiedenen anderen Vorträgen näher darauf ein (Video 1, Video 2). Ein Merkmal, welches den Menschen von Schimpansen unterscheidet, und was einen wichtigen Faktor für unsere Evolution ausmachte, ist der Umstand, dass sich Frauen im Gegensatz zu weiblichen Schimpansen sexuell selektiv verhalten. Letztlich entscheiden Frauen darüber, welche Männer sich fortpflanzen und welche Männer „reproduktive Katastrophen“ sind. Aus genetischer Perspektive, aus der Natur in fundamentaler Hinsicht als das, was selektiert (auswählt), bestimmt werden kann, folgt für die menschlichen Spezies: „Human females are nature, it’s not only that they are associated with nature symbolically, as far as reproduction is concerned they are the force of nature that does the selection and so they are nature in the most fundamental way.“ (Übersetzung: Menschliche Weibchen sind die Natur, es ist nicht nur so, dass sie symbolisch mit Natur assoziiert werden; was Fortpflanzung betrifft sind sie die Gewalt der Natur, welche die Auswahl trifft und deswegen sind sie die Natur im grundlegendsten Sinne.)

Das erklärt, was hinter dieser Furcht bei romantischen Avancen steckt: dass man sich dem fundamentalen Urteil der Natur selbst aussetzt, dass da lauten könnte, wie Peterson sagt: „Creatures like you should not be allowed to propagate […] Female rejection is the ultimate challenge, because what the female says is: ‚you’re not good enough'“ (Übersetzung: Wesen wie dir sollte nicht erlaubt sein, sich fortzupflanzen […] Weibliche Zurückweisung ist die ultimative Kampfansage/Infragestellung, weil was die Frau damit sagt ist: du bist nicht gut genug). Und dabei handelt es sich nicht um ein partikulares Nicht-gut-genug-sein an der Oberfläche, sondern einen Unwert auf einer fundamentalen, existentiellen Ebene. Das ist wie die Prozedur eines römischen Kaisers, der auf einem hohen Podest des Amphitheaters sitzt und dem Gladiator nach seinem Kampf den Daumen entweder nach oben oder nach unten zeigt. Es geht um Leben und Tod: Bist du für diese Welt gemacht, kannst du am Tageslicht wandeln oder sollst du zu Grunde gehen? Denn evolutionär steht das Überleben der Gene auf derselben, wenn nicht auf einer höheren Ebene als das Überleben des Individuums. Und das ist auf diesem Standpunkt ‚alles was zählt‘. Das hier ist nicht misszuverstehen als ob ein Mensch sich bewusst Sorgen um seine Genverbreitung mache und deswegen so reagiere. Es geht darum, was sich von uns als biologische Wesen unwillkürlich in unseren Gefühlen widerspiegelt.

Diese Art von Gefühlen tritt nun schon bei Annäherungsversuchen der Männer auf und zum Glück lässt sich die Furcht überwinden und lernen, mit Zurückweisungen umzugehen, um sie durch Erfolge bezahlt zu machen. Aber wenn wir die Situation der Incels in die Gleichung aufnehmen, offenbart sich die Crux des Problems: Was Blackpill-Incels nämlich erfahren, ist ausschließlich Zurückweisung und damit die letztliche Besiegelung des Urteils über den Unwert ihrer Existenz in ihren Gefühlen. Dazu passt ihr Selbsthass und, dass sie sich selbst sogar als Untermenschen bezeichnen. Für sie hat sie die Realität selbst ausgespuckt, die Natur ihre Existenz gesamtheitlich zurückgewiesen. Wiederum: Diese Gefühle ergeben evolutionär betrachtet Sinn. Hier liegt der Nihilismus nicht mehr fern. Incels haben drei Möglichkeiten (bzw. vier, wobei die Vierte wäre, ihr Schicksal oder Gefühlsleben doch noch irgendwie zu ändern): Die ersten beiden affirmieren das Urteil der Natur, d.h. entweder für den Rest des Lebens mehr oder weniger dahinzuvegetieren, die Lebenskraft passiv aufzugeben und sich irgendwie zu betäuben, oder aber selbst zum ausführenden Organ des Urteils zu werden, d.i. Suizid. Die Dritte Möglichkeit gibt es (in Gesellschaften mit starkem Individualismus), weil die eigene Existenz zwar abgeurteilt ist, aber doch noch für sich besteht. Das heißt, das einzelne Individuum kann sich gegen den Rest der Realität stellen, gegen ihr Urteil – von dem es sich doch nicht lossagen kann – rebellieren und vielmehr diese seinerseits als unwert zu existieren aburteilen. Nehmen wir diese extreme Abspaltung und Gegenübersetzung in der Bewusstseinsform in den Blick, wird leicht verständlich, warum herkömmliche Moral darin keine Rolle mehr spielt bzw. alle Werte umgewertet sind. Das Ziel kann nur noch die maximale Zerstörung alles Geltenden sein, d.i. der etablierten Gesellschaft, der menschlichen Natur, der Welt insgesamt. Die Spitze dessen ist der Amoklauf. Dazu kommt es allerdings nur in den seltensten Fällen, da die Incels sich wohl meist zwischen den drei Möglichkeiten in der Schwebe befinden und sich zwischen den Aspekten hin und her werfen.

Diese evolutionspsychologisch-phänomenologische Erklärung ist zwar notwendig abstrakt, aber sie hilft zu verstehen, dass das „Bedürfnis nach Sex“ so ausgesprochen reduktionistisch vorgestellt wird und sich am allerwenigsten auf Lustbefriedigung reduzieren lässt. Damit lässt sich nachvollziehen, warum Incels es für absolut unmöglich halten, ohne Intimität in ihrem Leben glücklich zu werden. Sex ist genau dann keine so große Sache mehr, wenn man ihn hat oder haben kann, was die Verzweiflung an seinem Fehlen um so schwerer zu verstehen macht.

Das Ganze lässt sich auch sozialpsychologisch unterfüttern. Auch hier ist Sexualität eine fundamentale Relation der Anerkennung. Nämlich eine Anerkennung in der biologisch-sozialen Rolle als Mann oder Frau und als Teilnehmer in der intergeschlechtlichen Dynamik. Diese ist kaum durch eine andere Art der Anerkennung zu ersetzen und enthält ein ganzes Paket an verschiedenen wichtigen Gütern, die Menschen für ihr seelisches Gedeihen benötigen: sich begehrt fühlen, sich geborgen fühlen, Empfindungen gemeinsam zu erleben, Stresslinderung, Bestätigung, positive Aufmerksamkeit usw. Darüber hinaus kann sich daran noch die weitaus bedeutsamere und reichere Relation der Liebe knüpfen.

Dies mit dem evolutionspsychologischen Teil zusammengenommen wird man sagen können: Evolutionärer Erfolg des Menschen wird von ihm wegen seiner sozialen Natur auch durch feinere Antennen emotional festgestellt werden als durch Ejakulationen. Daher ist auch Prostitution bestenfalls bloß eine Linderung aber keine Lösung für das Problem der Incels, denn mit der Reduktion des Geschehens auf eine Transaktion wird die Sache an der fehlenden Anerkennung und dem Gefühl des Unwerts der eigenen Existenz kaum etwas ändern.

Damit kommen wir zu Hayley Morrisons Text zurück, deren Erleben ein gutes Beispiel für die erbrachten theoretischen Überlegungen abgibt. Sie erzählt davon, ihre erste sexuelle Aufmerksamkeit mit 18 Jahren erhalten zu haben in einer Begebenheit, welche man wohl „Catcalling“ nennen würde.

„All I knew was after four years of being ignored and put down, people were finally looking at me with sexual interest, and that made me feel human. It made me feel powerful.“

(Übersetzung: Alles was ich wusste war, nachdem ich vier Jahre ignoriert und erniedrigt wurde, schauten mich Leute endlich mit sexuellem Interesse an, und dadurch fühlte ich mich wie ein Mensch. Dadurch fühlte ich mich mächtig.)

Dies wurde ihr möglich, indem sie anfing, sich mehr um die Pflege ihres Äußeren zu kümmern, sich besser anzuziehen und in Therapie zu gehen. Sie litt immer noch unter sexueller Frustration. Ihre psychische Gesundheit verbesserte sich. Aber was half ihr letztendlich?

Having a girlfriend changed my life. I lost my virginity. I went on dates to the beach and to the movies. I had someone to talk to about my thoughts and feelings instead of sitting around my house alone brooding all the time. I had someone to hold hands with, someone to say ‚I love you‘ to, someone to squeeze and have squeeze you back (which still feels like a little miracle to me every time it happens). I got a group of friends for the first time in years and we did things together like go to the mall and stay up until 4am laughing at dumb memes. For the first time in years, I felt like I belonged. I told my therapist I felt like Pinocchio when he becomes a real boy. Finally, I was a real girl, a normal teenager, a fully formed human being.“

(Übersetzung: Eine Freundin zu haben, änderte mein Leben. Ich verlor meine Jungfräulichkeit. Ich ging auf Dates am Strand und im Kino. Ich hatte jemanden zum Bereden meiner Gedanken und Gefühle, anstatt allein zu Hause zu sitzen und die ganze Zeit zu grüblen. Ich hatte jemanden zum Händchenhalten, jemanden um „Ich liebe dich“ zu sagen, jemanden zum drücken und daraufhin ebenso gedrückt zu werden (was sich für mich immer noch wie ein kleines Wunder anfühlt, jedes Mal wenn es passiert). Ich fand eine Gruppe von Freunden zum ersten Mal seit Jahren und wir unternahmen Dinge zusammen, wie zum Einkaufszentrum gehen und bis 4 Uhr nachts wach bleiben und über blöde Memes lachen. Zum ersten Mal seit Jahren, fühlte ich mich zugehörig. Ich sagte meinem Therapeuten, dass ich mich wie Pinocchio fühlte als er ein echter Junge wurde. Endlich war ich ein echtes Mädchen, ein normaler Teenager, ein vollwertiges menschliches Wesen.)

Letztlich konnte ihr nur romantischer Erfolg und menschliche Zuwendung das Gefühl geben, ein richtiger Mensch zu sein.

Zusammenfassung: Wir sind nun im Stande eine meiner Ansicht nach einleuchtende und zufriedenstellende Antwort auf die Frage zu geben, warum sich viele junge sexlose Männer radikalisieren. Die Beantwortung fällt multifaktoriell aus, wobei sich die Faktoren je gegenseitig verstärken und alle die Tendenz zu denselben Resultaten aufweisen:

  • Schlechte Erfahrungen mit anderen Menschen, insbesondere Mobbing in der Jugend
  • Psychische Erkrankungen, entweder genetisch bedingt (Autismus) oder durch die Sozialisation hervorgerufen (Depressionen, soziale Phobien)
  • Permanente Frustration von Bedürfnissen, welche für das seelische Gedeihen und das Wohlbefinden wichtig sind
  • Die ungünstige Lebenssituation im Zusammenspiel mit unseren evolutionären Wurzeln

entfachen, verstärken und begünstigen soziale Entfremdung und Isolation, antisoziale Gefühle wie Hass und Neid, Leidensdruck und letztlich den empfundenen Unwert der eigenen Existenz. Hinzu kommen die am Ende des letzten Abschnitts genannten kulturellen Faktoren, insbesondere die ausbleibende Anerkennung der Probleme junger Männer.

Zuletzt ist noch zu bemerken, dass wohl die einzigen beiden Gruppen, bei denen Amokläufe wegen persönlichen Lebensproblemen (d.h. nicht aus politischen Gründen o.a.) vorkommen, Mobbingopfer und Incels sind (zumal wie bemerkt viele Incels auch Mobbingopfer sind). Das legt nahe, dass sich deren inneres Erleben ähnelt und untermauert das hier Erbrachte weiter. Das heißt, wie Mobbingopfer fühlen sich Incels ausgegrenzt, abgewertet, gepeinigt und dem eigenen Schicksal überlassen in einer ausweglosen Situation. Anders als bei vielen politischen Attentaten erfolgt die Gewalt, die meist auch das eigene Leben beendet, aus einem Standpunkt kompletter Ohnmacht und kann als Bewegung des Herausbrechens verstanden werden.

Mögliche Lösungsansätze und Fazit

Für wie verkommen und hilfsunwürdig man die radikalen Blackpill-Incels auch immer halten mag – sie waren es sicher nicht schon ihr Leben lang, und solange sich an den zugrundeliegenden Lebensumständen nichts ändert, können wir davon ausgehen, dass in Zukunft immer mehr junge Männer auf diesen Abweg geraten werden. Zudem verliert eine Gesellschaft auf lange Sicht den inneren Zusammenhalt, wenn ein signifikanter Anteil der Menschen unzufrieden lebt.

Ein Hindernis für mögliche Lösungen ist, dass das Problem, das nun ein Drittel der jungen männlichen Bevölkerung betrifft, gar nicht diskutiert wird und auf die Folgen ausschließlich mit repressiver Haltung reagiert wird. Von feministischer Seite wird der Diskurs abgewürgt, indem auf die sexuelle Selbstbestimmung der Frau verwiesen und Horrorvorstellungen von der gewaltsamen Umverteilung von Sex vorgeschoben werden – als ob das die einzige Möglichkeit darstellen würde, etwas an der Lage zu verändern. Indem aber solche Vorwürfe erhoben werden, kann das Thema selbst als ungehörig abqualifiziert werden. Dass solche Maßnahmen nicht einmal eine effektive Lösung für die Bedürfnisse der Incels wären, sollte der letzte Abschnitt gezeigt haben.

Mehr noch lassen sich daran schon zwei wichtige und bisher versäumte Maßnahmen ablesen: umfassende Prävention von Mobbing und besserer Zugang zu psychologischer Betreuung. Dass gegen Mobbing an Schulen so gut wie gar nichts unternommen wird und dass Menschen viele Monate auf einen Therapieplatz warten müssen, ist eine Farce, durch deren Behebung viel menschliches Leid vermieden werden könnte.

Was zur erfolgreichen, sozial gesunden Entwicklung von Menschen unter den rasant gewandelten Bedingungen der modernen Sozietät auch betragen könnte, wären staatlich subventionierte Flirt-Kurse und Life-Coachings, in denen bei Lebensproblemen Perspektiven aufgezeigt und grundlegende soziale Fähigkeiten beigebracht werden könnten. Diese müssten von den Teilnehmern unentgeltlich zu besuchen sein und könnten z.B. an Schulen, Universitäten und Volkshochschulen organisiert werden. In Richtung solcher Maßnahmen wäre von staatlicher Seite hinzuarbeiten. Gleichstellung ist so lange einseitig und damit hohle Phrase, solange sie sich nicht auf das Entfaltungspotential und die Angleichung der Lebenssituationen in allen Lebensbereichen bezieht. Findet sich eine Bevölkerungsgruppe in ihrer Lebensqualität in signifikantem Maße beeinträchtigt – wofür Sexualität und Partnerschaft einen gewichtigen Teil ausmachen – müsste der Staat eigentlich Unterstützung bieten.

Die andere Komponente bildet die Dimension der Öffentlichkeit. Wie herausgearbeitet wurde, fühlen sich Incels von der Gesellschaft entfremdet und im Stich gelassen. Man muss einmal ernsthaft die Frage stellen, warum sie sich denn in Internetforen sammeln, worin immer wieder die eigene Frustration und Aussichtslosigkeit aufgerieben werden, was einerseits die Radikalisierung vorantreibt aber sicherlich auch der eigenen seelischen Gesundheit abträglich ist. Irgendein zumindest angenommenes Gut muss es dabei ja geben, dass man sich dies freiwillig antut. Welches? Mir scheint, das ist der einzige Ort, an dem Incels sich verstanden fühlen. Während medial und im Umfeld ihre Probleme nicht ernst genommen werden, finden sie wenigstens dort noch eine Form der Anerkennung. Dies müsste an anderer Stelle geboten werden. Wenn sie also schon keine Anerkennung im sexuellen Bereich finden, wäre es zumindest ein Anfang, den ’sexlosen Versagern‘ zu zeigen, dass sie der Gesellschaft nicht egal sind – bzw. müssten sie ihr tatsächlich nicht egal sein. Aber leider scheint ja gerade das Gegenteil der Fall, da (weiße) Männer für die tief in der Medienlandschaft verankerte Ideologie der ‚Intersektionalität‘ den unteren Anfang der Nahrungskette der gesellschaftlichen Wertigkeit ausmachen.

Das führt dann dazu, dass z.B. hier ein Autor die Ansicht ausdrückt, dass Incels ja urkomisch wären, wenn sie nicht so gefährlich wären. Das Traurige daran ist, dass aus Sicht der Incels die Freude über Amokläufe in solchen Aussagen gerade ihre Bestätigung findet. Denn dann doch besser gefürchtet und gehasst als mit den eigenen Problemen eine bloße Lachnummer zu sein. Sie werden sich denken, dass Gewalt die einzige Möglichkeit für sie sei, um gehört und ernst genommen zu werden. Aus diesem Grund werden dann Amokläufer für sie, wie Hayley Morrison schreibt, zu Märtyrern.

Ob die hier vorgeschlagenen Ansätze die Situation von Incels tatsächlich im befriedigenden Maße zu verbessern vermögen? Das weiß ich nicht, aber solange die Gesellschaft keinen Willen dazu zeigt, ist diese Frage müßig. Man hätte damit zumindest einen angemessenen Anfang.

Was die Dynamik des Partnermarktes angeht, die sich ja wie nachgewiesen in den letzten Jahrzehnten noch mehr zu Ungunsten junger Männer verändert hat und sich wahrscheinlich noch weiter in diese Richtung entwickeln wird, muss ich zugeben, dass ich keine direkten Lösungsansätze zu präsentieren habe. Wie der Abschnitt zum Dating gezeigt hat, stellt die Sache auch ’normale‘ Männer vor Schwierigkeiten. Eventuell bedürfte es eines neuen Zeitgeistes für einen Wandel. Es bleibt anzumerken, dass sich darin, dass Frauen im Bürgerlichen Gleichheit, im Sexuellen/Partnerschaftlichen jedoch anscheinend die Superiorität des Mannes erwarten, eine Diskrepanz auftut und zwei wesentliche Seiten des menschlichen Zusammenlebens in Widerstreit geraten, die sich aber nicht voneinander trennen lassen, und man gut daran täte, sie in ihrer Wechselwirkung genau ins Auge zu fassen. Zunächst einmal müssen diese Dinge jedenfalls ins öffentliche Bewusstsein vordringen, wozu ich mit diesem Artikel hoffentlich beitragen konnte.

Zum Abschluss möchte ich noch einen Appell an diejenigen Frauen richten, welche auch am Ende der Lektüre sich vor allem selbst angegriffen fühlen oder in unfreiwilliger Sexlosigkeit gar gerechtfertigte Auslese oder dergleichen sehen wollen. Bedenkt, es könnte eure männlichen Freunde, Brüder, Söhne betreffen.

5 Gedanken zu “Incels. Über (keinen) Sex in modernen Gesellschaften.

  1. Der bisher absolut beste Artikel zu dem Thema, den ich bisher finden konnte. Sehr, sehr sehr sachlich… Warum zum Teufel konnte ich ihn nicht ganz zu Ende lesen, weil ich gerade heule wie ein Schloßhund ? Schließlich bin ich ja kein Incel, sondern glücklich verheiratet mit Kindern und allem ?
    Das wird eine Veronika Kracher sicher nie verstehen können, einige Männer vielleicht schon.
    Das zuende-lesen hole ich nach, aber jetzt schon mal DANKE.

    Liken

  2. Ein sehr guter Artikel, danke. Aber obwohl Du die nötigen Daten zusammenträgst, ziehst Du die wesentlichen Schlüsse leider nicht:

    Das Problem „Incel“ wird man (gesamtgesellschaftlich) nicht lösen können. Jedenfalls, wenn man den Frauen ein Wahlrecht ihrer Sexualpartner zugesteht. Es wird immer einen gewissen, eventuell aber je nach kulturell-sozialen Gegebenheiten unterschiedlichen Prozentsatz der Männer geben, die von allen Frauen als zu unattraktiv aussortiert werden. Die hier stattfindende Selektion der Frauen begründet einen Wettbewerb der Männer in dem es dann eben auch unvermeidlich Verlierer gibt – und kein Datingkurs der Welt wird daran etwas ändern. Er kann allenfalls das Basis-Niveau heben und damit letztlich vor allem die gefährden, die eben noch irgendwie über dem alten Basisniveau lagen.

    Was man aber wahrscheinlich machen kann ist, individuellen Incels zu helfen. Praktisch ist es sehr schwierig, solche Leute zu den richtigen Einsichten zu führen, aber die sind letztlich immer, dass es diesen Wettbewerb der Männer eben gibt und er existentiell, immer da und sehr facettenreich ist. Es stimmt nämlich am Ende nicht, dass die Frauen auswählen. Richtig ist stattdessen, dass die Männer Rangordnungskämpfchen bis hin zu Weltkriegen führen, nur(!) damit die Weibchen wissen, welche Männer der Paarung würdig sind. Der individuelle Weg raus aus dem Incel-Dasein ist, diesen Kampf endlich anzunehmen und sich durchzusetzen. Es macht einen Unterschied, wie fit der eigene Körper im Vergleich zu anderen ist, wie groß die Bildung, welchen Job man hat und welches Auto man fährt oder was man sonst so in der Konkurrenz der Männer an Erfolgen (und Ambition) vorführen kann. Und so lange man das alles lächerlich findet, bleibt die Türe eben zu.

    Liken

    • Ich sehe kein Grund warum es, auch in der heutigen Zeit, nicht für jeden Mann theoretisch möglich sein sollte, eine Partnerin zu finden. Zwar gibt es, je nach Geschlecht und Person unterschiedlich ausgeprägte und teils biologisch bedingte Mechanismen wie sexuelle Anziehnung, Mindestkriterien, Ansprüche, die man als Selektion verstehen kann, aber es gibt keinen inneren Mechanismus, der einer individuellen Frau vorschreibt, einen Mann deshalb unattraktiv zu finden, weil er am unteren Ende der „männlichen Attrakvitäts-Verteilung“ oder im unteren Prozentsatz liegt. Natürlich gibt es in jeder Population eine Gruppe von Personen (beider Geschlechter), die konventionell als „unvermittelbar“ bezeichnet werden würden, wobei naheliegende Kriterien geistige/körperliche Behinderung, psychische Erkrankungen etc. sind. Aber dass wir immer wieder Beispiele von „undateables“ finden, die in anderen undateables Partner finden, zeigt uns, dass das – Evolutionspsychologie oder nicht – kein Hindernis ist, solange sich die natürliche Geschlechtsverteilung einer Population nicht gravierend ändert (wie es etwa in China oder Indien der Fall ist).

      Liken

  3. Möchte den Kommentar von lh gerne aufgreifen, vor allem den einen Satz: „Was man aber wahrscheinlich machen kann ist, individuellen Incels zu helfen.“ Was lh hier im Detail vorschlägt, ist mit Sicherheit richtig (kann ich aus Erfahrung sagen). Allerdings würde ich mich sehr darüber freuen, zunächst erstmal *überhaupt* die Idee gesellschaftsfähig zu machen, „individuellen Incels zu helfen“ statt noch zusätzlich auf ihnen herum zu trampeln. Welche Art von Hilfe dann wirklich jeweils die richtige ist, ist, nun ja, eben individuell, so wie die Gründe ja auch vielfältig sind.

    Liken

  4. Ein echter Top-Beitrag. Sehr sauber und detailliert herausgearbeitet. Und mit einem Überraschungsmoment für mich:

    “ Eine neue Studie (Neyt et al. 2019) stellt fest, dass Männer auf Tinder 61.9% der weiblichen Profile liken (d.h. zum potentiellen Nachrichtenwechsel freischalten),…“

    Echt so wenig? Hier hätte ich >90% erwartet. Aus einem like alleine ergibt sich ja noch nichts. Hat hier der Faktor „Neugier“ echt keinen Einfluss (Motto: „Ich like alle um herauszufinden wer mich geliked hat“). Erstaunlich.

    Gibt es Lösungen: Zunächst stimme ich da lh zu. Es hat schon seinen Grund, warum die meiste Zeit der Geschichte hierzulande und woanders heute noch die Partnersuche und -wahl nicht der Frau überlassen wurde/wird sondern Angelegenheit der Eltern war/ist.

    Und westlichen Incels bleibt als pragmatischer Lösungsweg eigentlich immer das Flugticket in bessere Reviere. In Minsk, Kiew und Odessa gibt es soviele hübsche (und auch bescheidene) Frauen, die vor Freude heulen wenn sie die Chance auf ein Leben im Westen bekommen. Klar ist das Verdrängungswettbewerb, aber so ist das Spiel.

    Derzeit zumindest, auf längere Sicht wird sich auch im Westen wieder die Partnerwahl über die Sippe durchsetzen. Unser derzeitiges Gesellschaftsmodell ist viel zu verschwenderisch um es dauerhaft sozial stabil zu halten.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s