Wohin mit der weiblichen Wut?

Heute betrachten wir einen Artikel von Alena Schröder, der online in der Süddeutschen Zeitung (SZ) erschienen ist.

Hier geht es zum Artikel.

Es geht um die These, dass Wut ein männliches Privileg sei.

Zunächst äußert sich die Autorin zu einem akutellen Geschehen in den USA: Brett Kavanaugh ist ein konservativer Richter, der nun durch Donald Trumps Hinarbeiten erfolgreich im Supreme Court der USA installiert wurde. Vor der Ernennung kam es zum Vorwurf der sexuellen Übergriffigkeit, die er vor Jahrzehnten (als 18 Jähriger) an Christine Blasey Ford (heute Psychologieprofessorin) begangen habe sollen.

„Christine Blasey Ford, die mit der Familie aus ihrem Haus fliehen musste und Morddrohungen erhält, seit die Anschuldigungen gegen Kavanaugh öffentlich wurden, musste also vor einer Riege älterer Herren und einem Millionenpublikum detailliert eine traumatische  Erfahrung schildern. Und sie erwies sich als mustergültige weibliche Zeugin: Sie sprach klar und gefasst, zeigte sich verletzlich und trotzdem sichtlich bemüht, es allen recht zu machen, unterdrückte Tränen, lächelte tapfer, entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten, die sie zu bereiten glaubte.

Kavanaugh dagegen wurde in seiner Rede laut und aggressiv, zwischendurch sah man ihn übermannt von Selbstmitleid, die Gesichtszüge verzerrt von kaum verhohlener Wut. Wäre dieser Auftritt ein Vorstellungsgespräch gewesen, hätte Kavanaugh nicht einmal den charakterlichen Eignungstest bestanden, um in Berlin als Busfahrer zu arbeiten. So, wie es momentan aussieht, hat er dennoch ganz gute Chancen auf einen lebenslangen Posten am Supreme Court, ausgestattet mit der Macht, beispielsweise das Recht auf Abtreibung zu kippen oder zumindest massiv einzuschränken.“

Es fällt auf, dass die Autorin mit der Rede von der „traumatischen Erfahrung“ rhetorisch impliziert, dass die Anschuldigungen gegen Kavanaugh wahr seien, obwohl dessen Schuld noch nicht bewiesen ist. Dies widerspricht juristischer Redlichkeit. Einen subjektiven Eindruck der Aussagen mag sich jeder selbst bilden – ich teile jenen der Autorin hier nicht – aber es ist herauszustellen, dass die Autorin dieselbe emotionale Regung auf zwei verschiedene Arten darstellt, nämlich einmal als „sich verletzlich zeigen, es trotzdem allen recht machen wollen, unterdrückte Tränen“ und andererseits als „übermannt von Selbstmitleid“. Die moralisch negative Kategorie des Selbstmitleides wird der tugendhaften leidvollen Tapferkeit gegenübergestellt, um ein bestimmtes Bild zu zeichnen, nämlich das von Täter und Opfer – bevor der Prozess entschieden ist. Die Beschreibung der Emotion soll zusätzlich die Grundthese des Artikels decken: Er ist überMANNt; Sie ist tugendhaft kontrolliert.

Im Übrigen wäre eine laute, aggressive Rede im möglichen Falle einer Falschbeschuldigung wohl durchaus verständlich. Das Leid, dass Kavanaugh privat wegen der Anschuldigungen erfahren musste, thematisiert die Autorin nicht.

Im letzten Abschnitt offenbart die Autorin einen möglichen Grund für ihre Wahrnehmung des Prozesses und ihre Ignoranz ob des Grundsatzes, dass nicht Unschuld, sondern Schuld zu beweisen ist: Eine persönliche Antipathie mit der politischen Einstellung Kavanaughs; da die Beschränkung des Abtreibungsrechts nicht im Interesse der Autorin liegen dürfte, sofern ich sie richtig einschätze.

Sehen wir uns an, wie die Autorin andere juristische Belange im Zuge des Artikels beschreibt:

„[Man hat Hillery Clinton] kein einziges Mal öffentlich ausrasten sehen wegen all der unglaublichen Lügen, die bis heute über sie verbreitet werden, inklusive der Behauptung, sie betreibe aus dem Keller einer Pizzeria einen Kinderpornoring.“

Im Falle von Hillery Clinton scheint die Autorin kein Problem mit Unschuldsbehauptungen bei nicht bewiesener Schuld zu haben, nein, sie spricht sogar von „unglaublichen Lügen“. Man hätte dem Muster gemäß erwartet, dass sie sich sofort auf die Seite der ‚traumatisierten und geschändeten Kinder‘ (um im Duktus der Autorin zu bleiben) gestellt hätte. Woran liegt das nur…

„Marlies Krämer, die vor Gericht ziehen musste, um von ihrer Sparkasse mit der banalen Höflichkeit bedacht zu werden, nicht als Kunde, sondern als Kundin angesprochen zu werden, hätte allen Grund gehabt, nach dem verlorenen Prozess ein bisschen in der Sparkassenzentrale zu marodieren.“

Der Autor befürwortet also sich persönlich aggressiv zu wehren, wenn auf dem juristischen Wege der eigene Wille nicht durchgesetzt werden konnte. Man muss das in aller Deutlichkeit aussprechen! Sofern ich keinem Satireartikel aufgesessen bin, sieht der Autor einen legitimen Grund zu „marodieren“ (was wohlwollend interpretiert vom Wutausbruch bis zur Sachbeschädigung reichen kann), wenn die Agenda feministischer Sprachregelungen juristisch nicht durchgesetzt werden konnte. Ich weiß nicht, was hier das größere Armutszeugnis für unsere Gesellschaft ist: Diese Haltung des Autors, oder dass jemand wegen einer verwehrten „banalen Höflichkeit“ vor Gericht und sogar noch in die zweite Instanz zieht.

Es folgen im Artikel noch einige Beispiele in denen die Wut einer Frau angeblich gesellschaftlich nicht in dem Maße geduldet oder gewürdigt wird, wie es dem männlichen Pendant zukomme (Serana Williams, Andrea Nahles, Claudia Roth). Wissenschaftlich repräsentativ ist das natürlich nicht, sondern es soll stattdessen ein Narrativ unterfüttern.

Zum Ende heißt es dann:

„Vielleicht könnte Hollywood, als Teil der Wiedergutmachung nach all den #Metoo-Skandalen, ja wenigstens im Fiktionalen für eine identitätsstiftende Vorbildfigur sorgen und mal eine Superheldin erfinden, deren Superkraft sich nicht aus Güte, Liebe oder Gerechtigkeitssinn speist, sondern aus nackter, kalter Wut.“

Die Autorin möchte also implizieren, dass Reparationen von der Instanz ‚Hollywood‘ für die Taten von Individuen nötig wären. Die Forderung, den ganzen literarisch-filmischen Trope des Superhelden dafür konzeptuell umzudeuten, geht dann doch etwas zu weit. Nackte, kalte Wut als dominierende Eigenschaft macht eine Figur nämlich mindestens zu einem Antihelden, wenn nicht zu einem Superschurken.

Eine Vorbildfunktion in der Eigenschaft nackter, kalter Wut zu wünschen ist überdies pathologisch bedenklich und sehr wahrscheinlich äußerst gesellschaftsschädigend. Oder wie argumentiert man dann noch für Maßnahmen gegen „Hassrede“, sofern diese einer deskriptiven Kategorie gerecht werden kann, anstatt als Kampfbegriff gegen alles Fabrikat des politischen Gegners zu stehen?

Noch einmal zurück zum Kavanaugh-Fall. Die Autorin beklagt:

„Als Frau diese Anhörung zu sehen und dabei nicht eine brodelnde, schäumende, dampfende Pfütze Wut im Bauch zu spüren, war fast unmöglich.“

Dem möchte ich noch entschieden widersprechen, denn der Satz verunglimpft nüchterne, vernünftige Frauen. Nicht als Frau waren ihr diese Gefühlszustände auferlegt, sondern als Alena Schröder. Die eigene Pathologie auf das Geschlecht zu projizieren und dabei permanent die Agenda „wir gegen sie“, „Frauen gegen Männer“ zu forcieren ist gesellschaftszersetzend und wahnhaft. Noch ein paar Belege der Misandrie aus dem Artikel gefällig?

„Es gibt hierzulande auch keinen wütenden Frauenmob, der in den Straßen auf Männerjagd geht und für den Politiker »Verständnis« einfordern müssten, obwohl statistisch gesehen jeden dritten Tag in Deutschland eine Frau von ihrem aktuellen oder ehemaligen Partner umgebracht wird.“

Was sind solche haarsträubenden, extremistischen Gedankenverknüpfungen anderes als ein offener Aufruf zum Krieg „der Frauen“ gegen „die Männer“, weil es Morde von bestimmten Männern an bestimmten Frauen gibt?!

„[Vor sich hinbrodelnde Wutpfütze] ist das, was [Merkel] mit fast allen Frauen in diesem Land verbindet, auch mit denen, die ihr vielleicht keinerlei politische Sympathie entgegen bringen, sich aber trotzdem mit Wonne vorstellen, wie sie aufgeblasene Männeregos mit dem Absatz ihrer praktischen Schuhe zerbröselt.“

 

Zu guter Letzt kommen wir nach sachlicher Analyse zur Konklusion, dass die These der Autorin gerade dadurch widerlegt wird, dass ein derart vor Wut, Sexismus, Misandrie und Selbstgerechtigkeit triefender Artikel in einem anerkannten Mainstreammedium wie der SZ veröffentlicht werden darf. Es würde mich nicht wundern, wenn der Artikel objektiv betrachtet den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Weibliche Wut wird gesellschaftlich großmütig toleriert, während wir im Zuge von „metoo“ oder „pro-choice“ Demonstrationen medial schon jahrelang an Frauen gewöhnt sind, die ihre Wut und ihren Hass offen und oft unsachlich zum Ausdruck bringen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s